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Tagebuch

Ich habe hier meinen kompletten transidenten Werdegang beschrieben und füge aufsteigend stets die neuesten Eindrücke und Erlebnisse an.

 

Die Einträge beginnen als Lebenslauf. Ich habe diesen aufgrund des rasanten Wandels ab dem ersten privaten Outing Weihnachten 2014 in Tagebuchform weiter geführt. Dies hat mir persönlich sehr geholfen. Das Tagebuch hat meine Selbsterkenntnis gefördert, die mir bis dahin fehlte und mir ermöglicht, diese Zeit besser zu verkraften. Die Einträge verdeutlichen meine psychische Entwicklung und die Selbsterkenntnis meiner transgeschlechtlichen Identität, die in dieser Zeit geschah ("Shift"). Für mich war die Niederschrift psychisch enorm hilfreich und ich halte auch heute noch die Ereignisse allesamt für wichtig, weil sie verdeutlichen, warum mein Wandel in so kurzer Zeit so schnell vonstatten ging.

 

Nach einer gut zweijährigen Unterbrechung führe ich heute das Tagebuch als Blog weiter, um meine Erfahrungen und Erlebnisse als Trans*Frau öffentlich zu teilen.

 

Ich schreibe hier offen über ein Thema, über das viele Betroffene sich niemals zu reden trauen, weil sie Repressalien fürchten. Ich bin vollständig geoutet und brauche daher nicht zu fürchten, dass Fotos von mir mich in meinem Bekanntenkreis oder in der Öffentlichkeit diskreditieren.

Respektiert bitte, dass Transidentität für die Betroffenen ohne Alternative ist. Wer sich dessen einmal bewusst geworden ist, hat, wenn er je glücklich werden möchte, keine andere Wahl, als sich zu bekennen und den schweren Weg des Wandels zu gehen. Wer meint, seine Transidentität dauerhaft unterdrücken zu können, ruiniert und riskiert sein Leben.

 

Solltet Ihr Fragen dazu haben, könnt Ihr auch direkt Kontakt zu mir aufnehmen. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass die Einträge autobiografisch sind und ggf. auch mal nicht jugendfreie Begriffe verwendet werden!

Blog - 11.11.2017
Geschichten aus dem Tierreich - Pinkeln oder Quatschen?

 

Früher, als alles schlechter war, da habe ich, wenn ich alleine auf einer öffentlichen Herrentoilette vor dem Urinal stand, immer Angst gehabt, dass noch jemand (also ein anderer Mann) herein kommt, um auch zu pinkeln. Es kam natürlich häufig genug vor, dass dann tatsächlich jemand herein kam, ans Nachbarurinal getreten ist und ich in dem Moment gehemmt war und nicht pinkeln konnte. Ich weiß, dass dies vielen Männern so geht und nicht nur ich damit ein Problem hatte.

 

Heute hingegen, während ich auf der Damentoilette vor dem Spiegel stehe, genieße ich es, wenn ich mich mit einer oder mehreren anderen Frauen unterhalten kann (z.B. über die Dauerbrennerthemen Schminken oder Männer).

 

Warum ist das so?

Warum können Männer nicht miteinander pinkeln und Frauen dagegen pflegen gerne offenen sozialen Austausch?

 

Als Ursache hierfür habe ich niederste Instinkte aus dem Tierreich ausgemacht, die schon seit Urzeiten in uns schlummern. Bei Männern zeigt sich auf dem Klo deutliches Revierverhalten und Konkurrenzdruck. Im Tierreich "markieren" vor allem männliche Säugetiere ihre Reviere mit Hilfe ihres Urins und stecken auf diese Weise mit Hilfe einer regelmäßig erneuerten Duftgrenze ihren Lebens- bzw. Jagdraum ab. Das ist wichtig, denn so wird die Übervölkerung durch zu viele Nahrungskonkurrenten einer Spezies auf zu kleinem Raum vermieden. Eine gleichmäßige Verteilung der Spezies verhindert also eine Hungersnot und die Dezimierung der Art. Beim männlichen Homo sapiens (der wird tatsächlich auch zu den Säugetieren klassifiziert ;-) scheint trotz aller Weisheit doch etwas von diesem Urinstinkt hängen geblieben zu sein. Dieser Instinkt flüstert dem Mann beim Pinkeln offensichtlich in sein Unterbewusstsein, dass andere Männer die neben ihm ihre "Marke" setzen, mögliche Nebenbuhler sind und ihm sein Revier streitig machen wollen. Das Männerklo ist in diesem Zusammenhang immer als Zentrum dieses Reviers oder Nebenreviers zu sehen.

Folge: Konkurrenzdruck und Rangkampf. Der Mann, der bereits pinkelt oder gerade loslegen möchte, gerät in Streß. Es ist ja auch echt kompliziert. Einerseits muss er sein Geschäft erledigen, andererseits muss er den Konkurrent bezüglich seiner "Potenz" und Stärke einschätzen und mit sich vergleichen. Das so unauffällig, wie nur möglich, da jeder Seitenblick als Provokation verstanden werden könnte. Gleichzeitig befindet er sich in einer fast hilflosen Lage. Er muss eigentlich dringend sein kleines Geschäft erledigen und kann das nicht mehr aufschieben, bis der Konflikt gelöst ist. Der Stress führt zu einem schnellen Adrenalinausstoß. Dieses sorgt bekanntlich für eine erhöhte Bereitschaft zur Flucht oder zum Kampf.

 

In dieser Situation ist ruhiges Pinkeln also meist nicht möglich. Je nachdem, wie nun das Ergebnis der Abschätzung des potentiellen Konkurrenten ausgefallen ist, gibt es nun zwei Möglichkeiten:

 

a) Der andere Mann, der hinzugekommen ist, ist deutlich unterlegen (z.B. kleiner, schwächer, hässlicher oder einfach nur alt): In diesem Fall wird Macht demonstriert. Der Überlegene strüllt demonstrativ ins Wasser. Zur Erklärung für die Damen, die mit Urinalen evt. nicht so vertraut sind: Da es sich auch für Männer normalerweise nicht schickt, laute Klogeräusche zu produzieren, ist Mann gehalten, seinen Strahl schräg gegen die Innenwand des Urinals zu lenken. Er kann aber seine Dominanz zeigen, indem er einem Konkurrenten klar macht, dass nur er hier in seinem Revier jederzeit so laut sein darf, wie er will. Kleinhirn denkt's und überlegener Mann strüllt in den Wasserüberstand des Urinalsiphons, was wunderbar laut plätschert. Dadurch wird der unterlegene Mann noch mehr eingeschüchtert. Ich habe noch nie erlebt, dass beide gleichzeitig ins Wasser gepinkelt haben. Das hätte bestimmt eine weitere Eskalation des Klokonfliktes zur Folge gehabt.

 

b) Der andere Mann, der hinzugekommen ist, ist deutlich überlegen: Der unterlegene Mann gibt klein bei. Die Angst / das Adrenalin schnürt ihm den Blasenausgang zu, schließlich muss er jeden Moment fliehen oder kämpfen. Es geht nichts mehr. Statt dessen muss er aber den Fluchtreflex unterdrücken und sein Gesicht wahren. So tun, als würde er pinkeln. Die Zeit irgendwie rum kriegen, bis der andere endlich fertig ist und siegesbewusst abzieht. Furchtbar, wenn dieser dann noch absichtlich langsam macht, seine Übermacht auch noch schamlos ausnutzt und deutlich herschaut, wie der unterlegene Mann mit hochrotem Kopf verzweifelt versucht, wenigstens ein paar Tropfen abzuzapfen.

 

Dieser Konkurrenzkampf in Verbindung mit der Furcht, dass jede freundliche oder freundschaftliche Geste von homophoben Dritten als Schwulheit missverstanden werden könnte, führt also auf dem Männerklo dazu, dass auch jeder freundschaftlich soziale Smalltalk  im Keim erstickt wird. Selbst, wenn die "Rangpositionen" bereits abgeklärt und gefestigt sind, beispielsweise wenn sich der CEO und ein Angestellter zufällig gemeinsam auf der Firmentoilette begegnen, ist das nicht möglich.

 

Ausnahmen gibt es meiner Meinung nach nur, wenn die oben beschriebene Konkurrenz nicht besteht. Das ist nur in seltenen Ausnahmen der Fall, z.B., wenn sich zwei homosexuelle Männer auf der Herrentoilette treffen. Ebenso natürlich bei nicht geschlechtsreifen Jungs oder Volltrunkenheit. Aber selbst gesetzte alte Herren haben Probleme, denn die Potenz bleibt ja bei guter Gesundheit bis ins hohe Alter erhalten. Somit konkurrieren selbst zwei 75-jährige.

 

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Frauen hingegen grenzen ihr Revier anders ab. Hier herrscht Konkurrenzdruck, Missgunst und Neid in wesentlich enger gesteckten Revieren: Also, und das wird Emma an sich nicht gerne hören, in erster Linie in der Küche, aber zum Glück für die moderne Emanze auch im Büro.

Auch eine weibliche Hauskatze (Felis silvestris catus) markiert und verteidigt ihr (Freilauf-)Revier. Dieses ist jedoch kleiner, als das Revier eines potenten (nicht kastrierten) Hauskaters und besitzt durchaus Grenzbereiche, in denen freundliche Kontakte zu anderen weiblichen Hauskatzen möglich sind.

Auch, wenn weibliche Konkurrenzkämpfe genauso unerbittlich ausgeführt werden, wie männliche, so ist doch ihre Art ganz unterschiedlich. Weibliche Konkurrenz führt auch nicht dazu, dass Frau nicht mehr pinkeln kann, aber das mag sicher auch daran liegen, dass Frau auf unseren öffentlichen Toiletten nicht im Stehen und in Sichtverbindung zu einer möglichen Konkurrentin pinkeln muss, sondern in schön privater Atmosphäre in einer Einzelkabine. So ist der gemeinsame Toilettengang kein Problem und schon der häufige Stau vor der Damentoilette, wie auch die Zeit danach vor dem Spiegel, wo das Make-Up kontrolliert und aufgefrischt wird, wird dazu genutzt, den neuesten Klatsch und Tratsch auszutauschen oder sich die bissigsten Kommentare zuzustecken.

 

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Sehr erstaunlich in diesem Zusammenhang ist auch die folgende historische Tatsache: Die Römer (also die Bürger der Stadt Rom)  haben schon vor 2000 Jahren öffentliche Gemeinschaftstoiletten gehabt, die genauso, wie die Thermen (Bäder) zum sozialen Austausch genutzt wurden. Viele Toilettensitze waren dort nebeneinander angeordnet. Um sich zu setzen, musste man nur die Tunika hochheben. Unter den Sitzen floss konstant Wasser und spülte alles sofort weg. Männer und Frauen saßen dabei übrigens meist nicht getrennt.

Der Ausdruck "sein Geschäft erledigen" kommt übrigens daher, dass die Römer beim gemütlichenToilettengang wunderbar ihre Geschäfte miteinander besprechen konnten!

Wir lernen: Der Mensch war in der Lage, durch kulturelle Gepflogenheiten die niederen Instinkte zu unterdrücken. Unfassbar, dass wir uns diesbezüglich wieder zurück entwickelt haben!

 

Fazit und Selbstanalyse:

Ich war früher beim Pinkeln meist gehemmt, was bedeutet, dass ich mich als unterlegen eingeschätzt habe. Ich weiß heute, dass ich einem männlichen Konkurrenzkampf seit jeher aus dem Weg gegangen bin. Ich war nie ein Macho, habe nie die Ellenbogen für das beste Mittel gehalten, um Konkurrenten aus dem Weg zu drängen. Mein Unterbewusstsein deklarierte mich, obwohl groß, jung, sportlich und potent, also schon damals als unterlegen.

 

Warum? Heute weiß ich warum. Heute wissen es alle. Und das ist gut und richtig so.

Blog - 08.11.2017

Passing - Ein klares Statement für mehr Selbstvertrauen

 

Zur Vermeidung von Missverständnissen möchte ich vorab zunächst die Begriffe Outing, Passing und Mode, so wie ich sie verstehe, erklären und abgegrenzen:

 

"Outing" verstehe ich als "Coming out", d.h. als selbstbestimmte Bekanntmachung meines Transgender-Status gegenüber meinem gesamten sozialen Umfeld. Bei einem "Outing" stehe ich also gegenüber der Öffentlichkeit zu mir selbst und dem, was ich bin, nämlich transident. Ich verwende den Begriff "Outing" dabei prinzipiell unabhängig von der sexuellen Orientierung, spreche in diesem Beitrag jedoch von mir und meinem persönlichen Erfahrungen als MzF*-Transgender.  Ich verstehe das "Outing" nicht als Diffamierung, sondern als offensive Befreiung.

 

"Passing" kommt von passieren und bezeichnet hinsichtlich der Geschlechtsidentität die Fähigkeit einer Trans-Person auf den ersten Blick hin als Mitglied desjenigen Geschlechts akzeptiert oder eingeschätzt zu werden, mit dem sie sich identifiziert und das sie nach außen hin zeigt, also in der Öffentlichkeit als Frau oder Mann durchzugehen und zu bestehen. Üblicherweise umfasst das "Passing" eine Kombination aus körperlichen Geschlechtsmerkmalen (z. B. Körpersilhouette, Frisur, Kleidung) und geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen, die kulturell unterschiedlich sein können. Für das "Passing" ist unabhängig vom Erscheinungsbild, das Selbstvertrauen und sichere Auftreten genauso wichtig, wie äußerliche Merkmale.

Für von Geburt aus männliche Personen (Trans*Frauen) beinhaltet das "Passing" typischerweise das Tragen einer Perücke oder eine für Frauen typische Haargestaltung, die Entfernung von Barthaaren und das Tragen von Make-up, um das Gesicht weiblich(er) erscheinen zu lassen, das Ändern der Körperform, um der einer Frau ähnlich(er) zu sein, das Tragen weiblicher Kleidung und Accessoires, das Sprechen in einer Stimmlage, die möglichst weiblich klingt und die Annahme weiblicher Verhaltensweisen.

 

"Mode":  "Mode ist das, was man selber trägt. Geschmacklos ist das, was andere tragen." (Oscar Wilde)

 

Motivationen zum Tragen modischer Kleidung:

  • Lust an Abwechslung
  • Bedürfnis nach Anpassung, nicht unangenehm auffallen: Konformismus durch Tragen der bereits in der Bezugsgruppe etablierten Mode, Bedürfnis nach Anpassung infolge von Unsicherheiten in ästhetischen oder anderen Fragen
  • Bedürfnis nach Abgrenzung: Lust am modischen Experiment, Beeindrucken, Abhebung von der Masse, Statussymbol: Tragen der neuen, in der Bezugsgruppe noch nicht etablierten Mode; Zeigen, dass man auf dem neuesten Stand ist, kreativ ist, innovativ ...; Tragen sehr seltener, individueller und teurer Moden; Zur-Schau-Stellen des gesellschaftlichen Ranges

 

Evolutionsbiologisch und soziologisch gesehen dient Mode m.E. dazu, für die eigene Person zu werben und potentielle Partner zu interessieren und anzulocken. Partner sind aus dieser Sicht Sexpartner mit dem Ziel Fortpflanzung, früher gerne mit dem treffenden Begriff "(Ehe-) Gatten bzw. Gattinnen" bezeichnet, das kommt tatsächlich von "begatten".

Der Begriff "Mode" trägt also dem Tatbestand Rechnung, dass Kleidung nicht nur dazu dient, den nackten menschlichen Körper vor Umwelteinflüssen und Blicken zu schützen, sondern auch dazu, ihn ästhetisch zu gestalten. Modische Kleidung dekoriert, formt, hebt körperliche Vorzüge hervor, kaschiert als Mangel empfundene Komponenten des Aussehens, drückt evt. auch ein Lebensgefühl aus oder trifft eine ästhetische Aussage. Wechselnde "Mode" sorgt für Abwechslung bei den Kleidungsstilen (und guten Umsatz der Bekleidungsindustrie).

 

Das bei vielen Transidenten* ausgeprägte Bedürfnis nach Konformität sorgt dafür, dass diese die aktuelle "Mode" für sich zum Gesetz erheben. Konformität wird durch das Tragen von Kleidung erreicht, die möglichst dem (modischen) Stil entspricht, den die breite Masse am häufigsten trägt. So könnte man sagen, dass es ein "statistisches Modemittel" gibt, das sich aber altersspezifisch, zeitgemäß, lokal und ethnographisch unterscheidet.

In Deutschland ist dies bei Frauen im Alter von ca. 15-40 aktuell folgender Durchschnitts-Style:

Marken-Sneaker (meist weiß), Jeans (meist skinny), schwarzes Shirt, als Jacke meist ein kurzer Blouson aus Jeans oder schwarzem Kunstleder oder alternativ ein grauer oder schwarzer Kurzmantel. Mit diesem Outfit ist ein Maximum an Konformität zu erreichen. Man geht in der Menge gleichgestylter Menschen förmlich unter. Die Häufigkeit dieses Styles in Deutschland ist fast schon erschreckend. Verglichen mit der farblichen Vielfalt von z.B. nord-indischer oder zentral-afrikanischer Frauenbekleidung ist das Trauerbekleidung und ich empfinde diese farbliche Eintönigkeit auch so.

 

Es gibt darüberhinaus Fälle, wo auf geschlechtsspezifische Kleidung bewusst verzichtet wird, z.B. kleiden sich viele Lesben absichtlich nicht typisch weiblich, um die darauf fixierte männliche Anmache zu vermeiden.

 

"MzF" = Mann zu Frau = Trans*Frau

"FzM" = Frau zu Mann = Trans*Mann

transident:

Frauen, die sich trotz gegengeschlechtlicher Biologie vollständig als Mann wahrnehmen und identifizieren.

Männer, die sich trotz gegengeschlechtlicher Biologie vollständig als Frau wahrnehmen und identifizieren.

 

Weitere Begriffserklärungen finden sich auch am Schluss der älteren Beiträge.

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Nun aber endlich zum eigentlichen Beitrag:

 

Ich kenne viele Trans*Frauen, die sich Absatzschuhe versagen, obwohl sie diese toll finden und niemals ein rotes Kleid tragen würden, auch wenn es ihnen noch so toll stehen würde. Statt dessen laufen sie jeden Tag in Jeanshosen, Schlabber-Shirt und Sneakers herum. Wenn ich ihnen dann vorhalte, dass sie damit ihre gerade gewonnene (Mode-)Freiheit wieder aufgeben und ich das nicht einsehe, so erkenne ich deutlich den inneren Konflikt, den sie mit sich austragen.

 

Nun sollte es natürlich jedem selbst überlassen bleiben, sich zu kleiden, wie er mag. Warum also mische ich mich da ein und wettere gegen diesen Konformismus?

Das einfachere, weil angepasste und unauffällige Passing ist doch schließlich ein gewichtiger und einsehbarer Grund, das zu tun und also auch wichtig, um im Alltag besser klar zu kommen. Und ich schließe ja nicht aus, dass Transidente, genauso wie Bio*Frauen und -männer auch mal Unisex-Klamotten tragen dürfen.

 

Der Punkt ist, dass Transidente sich mit ihrem Outing die Freiheit erkämpft haben, endlich die Kleidung tragen zu dürfen, die ihrem empfundenen Geschlecht entspricht. Dies ist nicht die Kleidung, die die Gesellschaft Ihnen bislang zugestanden hat. Daher müssen Trans*Personen sich diese Freiheit erkämpfen. Sie müssen sich gegen alle Widerstände ihrer häufig konservativ, traditionell und noch dazu intolerant denkenden Mitmenschen durchsetzen. Das Outing ist dafür unbedingte Voraussetzung. Es bewirkt die Befreiung von diesem sozialen Zwang.

 

Ergebnis ist, das geoutete Transidente an sich eine relativ große modische Freiheit besitzen, die sogar größer ist, wie die Modefreiheit "normaler" Personen. Trans*-Personen werden geschmackliche Verirrungen im Bekleidungsstil zugestanden. Ein typisches Beispiel hierfür ist das Tragen nicht altersgemäßer Kleidung (z.B. Minirock mit 60+).

Konformismus hingegen führt dazu, dass Transidente sich ihre durch das Outing gerade gewonnene Freiheit wieder einschränken und für ein einfacheres Passing auf modische = auffällige Kleidung verzichten.

Diese MzF*-Transidenten würden freiwillig niemals Schuhe mit (hohen) Absätzen oder betont weibliche Kleidung in bunten, auffälligen Farben tragen, obwohl sie sich das, Aussehen hin oder her, doch eigentlich wünschen und erlauben könnten.

 

Der Grund dafür ist mangelndes Selbstvertrauen. Aus Angst aufzufallen und öffentlich angemacht zu werden, beschränken sich Transidente sehr häufig selbst und tragen möglichst konforme Bekleidung. Sie sehen sich nicht in der Lage, ein auffälligeres Erscheinungsbild, das Mode nun mal erzeugt, in der Öffentlichkeit selbstbewusst zu vertreten. Sie haben Angst erkannt und öffentlich diskriminiert zu werden. Sie können deshalb nicht mit modischer Kleidung für sich werben. Sie verkommen zu grauen Mäusen, d.h. zu Menschen, die auf den ersten Blick uninteressant sind und haben in Folge Schwierigkeiten, andere Menschen oder auch einen (neuen) Lebenspartner kennenzulernen.

 

Ich frage daher provokativ: Warum soll ich mich outen und mir (Mode-)Freiheit erkämpfen, wenn ich mich anschließend aus Angst in dieser Freiheit wieder selbst beschränke?

 

Vor dem Outing habe ich es gehasst, Herrenschuhe und Bekleidung tragen zu müssen. Nach dem Outing darf ich praktisch fast alles tragen. Aus Gleichberechtigungsgründen sind Frauen ja sogar ehemals rein männliche Kleidungsstücke erlaubt (z.B. ein Hosenanzug, jaja die Merkel), während z.B. eine Feinstrumpfhose für Männer absolut tabu ist (selbst, wenn sie sich die Beine rasieren). Und trotzdem laufe ich dann aus Angst wieder in Jeans und Unisex-Turnschuhen und nur in diesen herum? Das konnte und musste ich auch schon vor dem Outing!

 

Hinzu kommt, dass für das "Passing" unabhängig vom Erscheinungsbild, das Selbstvertrauen und sichere Auftreten genauso wichtig ist, wie äußerliche Merkmale.

Das ist reine Psychologie. Eine Frau, die abends im Dunkeln allein unterwegs ist und sich ständig angstvoll umschaut, wird viel eher überfallen, wie eine selbstsicher auftretende Frau in der gleichen Situation. Menschen reagieren diesbezüglich genauso, wie eine Meute hungriger Dingos (Wildhunde). Ein Beutetier, das deutliche Angstsignale aussendet, wird bevorzugt angegriffen, weil es die leichtere Beute ist. Eine Trans*person, die in ihrer neuen "Rolle" unsicher ist und sich in der ungewohnten Kleidung noch nicht wohl fühlt, sendet gleichfalls Angstsignale aus. Und gerade das Klientel, dass Transpersonen am meisten fürchten, z.B. Rechtsradikale oder andere Transphobiker, reagiert dann bevorzugt darauf. Man kann sogar den Eindruck gewinnen, die riechen die Angst, wie die oben genannten Dingos. Es sind aber tatsächlich die meist unbewusst ausgesendeten Angstsignale in den Bewegungen, den Gesten und in der Mimik, die schon aus größerer Entfernung verräterisch wirken.

 

Ich sehe diese Selbstbeschränkung leider viel zu häufig in der transidenten Szene. Der Grund ist jetzt benannt und man kann daran arbeiten. Mangelndes Selbstvertrauen kann auf viele Arten gestärkt werden. Z.B. durch bloße Gewohnheit. Alles, was man braucht, ist Mut, Vertrauen in die eigene Stärke und Lebensfähigkeit sowie ein klein wenig Standvermögen, wenn man Neues ausprobiert! Wer furchtlos auftritt, hat in unserem Land meist wenig zu befürchten. Ganz ohne Vorsorge und Vorsicht sollte man natürlich trotzdem nicht sein. Auch ich vertraue deshalb gerne auf ein kleines Döschen Pfefferspray, das mir in als unsicher empfundenen Situationen den nötigen Halt für einen sicheren Auftritt gibt. Dabei musste ich es noch nie einsetzen. Es genügt normalerweise schon, zu wissen, dass man es im Notfall zur Hand hat.

Es gibt noch eine ganze Anzahl weiterer Möglichkeiten sich an etwas festzuhalten. Nicht empfehlenswert ist eine Zigarette, weil gesundheitsschädlich und zur Verteidung echt ungeeignet. Angesichts der relativ hohen Zahl von Rauchern in der transidenten Szene sehe ich mich zu dieser Feststellung genötigt.

 

Die beste Hilfe aber erhält man in der Gruppe. Unsichere Transidente sollten sich, so oft es geht, in einer Gruppe erfahrener Transidenter und/oder befreundeter Bio*Frauen bewegen und innerhalb des Schutzes, den dieser Gruppenrahmen bietet, Neues ausprobieren und für sich etablieren. Wer in der Gruppe erfahren hat, dass er mit rotem Kleid und Pumps gut aussehen und ausgehen kann und dadurch Vertrauen in sein neues Outfit gewonnen hat, der kann sich damit auch alleine sehen lassen.

 

Selbstvertrauen ist extrem wichtig, um im transidenten Alltag zu bestehen und nicht "vor die Hunde" zu gehen!

Blog - 26.10.2017
Typisch weiblich, typisch männlich - Der geschlechtsspezifische Erfahrungshorizont

 

Dass Frauen andere Interessen haben, als Männer, ist bekannt. Es mag ja Ausnahmen geben, wo sich eine Frau auch mal (mir vollkommen unverständlich) für Fußball interessiert, aber gemeinhin ist das wohl eher selten der Fall. Umgekehrt gibt es kaum einen Mann, der einem 5-stündigen Shopping-Marathon durch 20 verschiedene Modekaufhäuser und Boutiquen etwas abgewinnen kann oder eine Schuhsammlung mit 200 Paar Schuhen sein eigen nennt.

 

So gibt es typisch weibliche und typisch männliche Interessen, die schon in der Kindheit geprägt werden. Wenn ich an die rosa-pink-lila Farbexplosion in der Mädchenspielzeugabteilung denke. Diese Konditionierung muss ja irgendwo hängen bleiben. Es gibt aber auch eine biologisch unterschiedliche Entwicklung, die hormonell gesteuert wird. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass es für Jungen und Männer Spielzeug und Freizeit-Equipment bis ins hohe Alter zu kaufen gibt. Der Funktionsmodellbau z.B. begeistert nicht nur 15-jährige Jungen, sondern genauso noch die sogenannte "Silbergeneration".

Das Spielzeugangebot für Mädchen endet komischerweise aber spätestens mit ca. 13-14 Jahren. Spezifisches Spielzeug, das die Interessen 16-jähriger Mädchen trifft, gibt es einfach nicht zu kaufen. Da sich das Angebot bekanntermaßen nach dem Bedarf richtet, darf folgerichtig vermutet werden, dass mit Beginn der Pubertät bei Mädchen jedes Interesse an Spielzeug erlischt. Jungen hingegen bleiben für "Spielzeug" empfänglich und behalten dieses Interesse auch bis ins hohe Alter.

 

Ein Beispiel aus der Praxis: Unbedarft, da kinderlos, hatte ich in verschiedenen Spielzeuggeschäften nach einem passenden Geschenk für meine damals 16-jährige Nichte gesucht und musste lernen, dass es so etwas de facto nicht gibt. Selbst im amerikanischen Spielzeug-Megastore konnte mir kein Fachberater helfen oder einen Tipp geben, was man denn da schenken könne. Nachdem ich mich zunächst darüber aufgeregt hatte, ergab auch die Befragung meines Bekanntenkreises keine Antworten auf die Frage, was schenkt man einer 16-Jährigen. Letzten Endes meinte die Mutter / meine Schwägerin, es sei wohl das Beste, ich würde einen Gutschein eines Modekaufhauses schenken. Sie wüsste allerdings auch nicht, was ihre Tochter nun wirklich zum Geburtstag haben wolle und man könne ihr eh' nichts recht machen (die Pubertät halt).

So zeigt sich, dass das mangelnde Angebot der Spielzeugindustrie tatsächlich eine klare Ursache hat: Mädchen spielen nicht mehr mit rosa-weißen Plüsch-Einhörnern, sobald die Hormone sie zur Frau wandeln. Das geschieht mit der ersten Periode ja recht abrupt und schlagartig ändert sich auch die Interessenslage. Unbedarftes Spielen ist out. Soziale Medien (Smartphones), Mode, Schuhe (Marken-Sneaker), Kosmetik, Schmuck und nicht zuletzt Jungs! erfordern die ganze Aufmerksamkeit.

Wir wissen, dass die Entwicklung von Jungen und Mädchen mit beginnender Pubertät nicht nur die physischen Unterschiede der Geschlechter verstärkt, sondern auch unterschiedlich schnell verläuft. Ein 14-jähriger Junge hinkt in seinem kognitiven Entwicklungsstand deutlich hinter einem gleichaltrigen Mädchen her. Das bewirkt, dass Mädchen in diesem Alter mit gleichaltrigen Jungs nichts anfangen können und Jungs total überfordert sind, wenn sie mit diesen einerseits zickig reagierenden und doch andererseits so komisch erwachsen daher kommenden Mädchen umgehen sollen.

 

Doch was bedeutet das nun, wenn eine Trans*Person, die erst nach der Pubertät ihren Shift und ihr Outing vollzogen hat, bis dahin sowohl eine gegengeschlechtliche Erziehung als auch eine gegengeschlechtliche, biologisch-hormonelle Entwicklung erfahren und genommen hat?

 

Es bedeutet zunächst einmal, dass es an geschlechtsspezifischer Erziehung und geschlechtsspezifischen Erfahrungen fehlt, die alle Menschen mit "normaler" sozialer Entwicklung in Kindheit und Jugend haben sammeln können. Die Erfahrungen, die stattdessen gemacht wurden, schaffen nun einen vollkommen gegensätzlichen Background, der von den lieben Mitmenschen erst mal verstanden werden muss.

Beispiel: Eine Trans*Frau Ende 30, 1.80m groß, sportlich-kräftige Statur, dafür mit einem weniger tollen Passing, wird auf der Straße von zwei "lieben Mitmenschen" als solche erkannt, angemacht, beleidigt, diffamiert und nach einigen verbalen Attacken auch geschubst. Nach dem dritten Schubser schlägt die Trans*Frau einen von beiden krankenhausreif. Der andere ergreift die Flucht.

Das ist sicher übel. Und ohne jetzt politisch zu werden und darüber zu diskutieren, ob die beiden Typen einen Migrationshintergrund besaßen oder juristisch zu diskutieren, ob das nun Notwehr war, muss festgestellt werden, dass hier üblicherweise etwas nicht verstanden wird. Die Allgemeinheit versteht nicht, dass eine "Frau" sich auf diese Art zur Wehr setzt, denn Frauen gelten stets als wehrlos, weswegen sie Männer beim kleinsten Anlass sogar per Ohrfeige schlagen durften, umgekehrt aber nicht. Das wurde bislang gesellschaftlich akzeptiert. Angesichts vieler Fälle von häuslicher Gewalt, die von Frauen gegen ihre (Ehe-)Männer ausgeübt wird, ist das natürlich genauso zu verurteilen, wie die häusliche Gewalt von Männern ihren Frauen gegenüber.

Die beiden "lieben Mitmenschen" hingegen haben nicht verstanden, dass eine Trans*Frau, wenn sie sich erst spät geoutet hat, ggf. einen männlichen Background besitzt, der in solchen Fällen wieder zum Vorschein kommt. In unserem Beispiel und zum Nachteil für die beiden Angreifer, hatte die Trans*Frau nach Ihrer Bundeswehrzeit jahrelang Kampfsport (Vollkontakt-Karate) betrieben und dadurch versucht, ihre Transsexualität durch besonders männliche Hobbies zu verdrängen und zu vertuschen. Dies ist eine nicht eben selten auftretende Erscheinung bei bewusster Verdrängung. Ein solcher Erfahrungshorizont wird bei einer Frau nicht vermutet. Zum Pech für unsere beiden Mitbürger.

 

So können sich geschlechtsspezifische Interessen erst nach dem Shift und dem Outing frei äußern. Gerade bei Spätentwicklern, die sich ihrer Transidentität erst spät bewusst werden, kann der Wandel im Bereich der Interessen und Hobbies sehr schnell vonstatten gehen. Da die Anzahl von Interessen und Hobbies durch die dafür zur Verfügung stehende Freizeit begrenzt ist, treten häufig einige alte Interessen in den Hintergrund, während sich andere neu ausbilden. Statt Kampfsportverein sorgt nun die Zumba-Tanzgruppe für den sportlichen Ausgleich. Statt in sportliche Autos wird das ganze Geld nun in die High-Heel-Sammlung gesteckt.

Es gibt natürlich auch viele Interessen, die sich nicht ändern. Ich habe festgestellt, dass man sich mit Trans*Frauen immer noch prima über Science-Fiction-Filme unterhalten kann. Das Interesse an SF ist bei Bio**Frauen normalerweise doch eher gering.

Sicher hat sich eine transidente Person immer schon für alles interessiert, was ihrem gefühlten Geschlecht entsprach oder dafür als normal angesehen wird. Vor dem Outing konnte sie diese Interessen aber nicht ausleben. So ist das Outing der letzte große Befreiungsschlag und alle Interessen können plötzlich ungehindert ausgelebt werden.

 

Ein gegengeschlechtlicher Erfahrungshorizont, d.h fehlende geschlechtsspezifische Erfahrungen verbunden mit fehlender Beratung sowie die Möglichkeit, ab sofort alle Neigungen ungehemmt ausleben zu können, sorgen aber in der Praxis für so einige Lacher und Verwirrungen.

Hinzu kommt, dass für Trans*Personen nach dem Outing das gute alte Sprichwort gilt: "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert."

Einerseits ein Segen, denn das bedeutet Freiheit. Andererseits auch schwierig für die Trans*Person, denn die soziale Kontrolle versagt dadurch häufig. Einer älteren Trans*Frau wird deshalb nicht gesagt, "Hör mal, der Rock da steht dir nicht. Der ist deutlich zu kurz für dein Alter." Was einer Bio**Frau schon in ihrer Kindheit durch die Eltern und in der Pubertät durch die Freundinnen beigebracht wurde, das muss eine Trans*Frau später erst noch lernen. Ihr hat niemand gesagt "Zieh den Rock aus, der steht dir nicht". Ihr wurde gesagt "Zieh sofort den verd... Rock aus! Du bist ein Junge". Und tat sie es nicht, gab es nicht selten Prügel.

 

So kann ich an dieser Stelle nur um Verständnis für alle Trans*Personen bitten, die da in ihrem Erscheinungsbild etwas exaltiert daher kommen. Nehmt sie an die Hand und helft Ihnen, anstatt sie auszulachen und zu verstoßen. Ihnen fehlt die geschlechtsspezifische Erfahrung und sie sind mehr als froh, wenn Ihnen jemand mit Erfahrung helfend zur Seite steht.

 

 

Definitionen:

Mit Trans*(Person) werden in diesem Beitrag alle als transident diagnostizierten Personen bezeichnet. Also transidente Frauen und Männer, die sich trotz gegengeschlechtlicher Biologie vollständig als Frau oder Mann identifizieren. Ausgenommen sind hier dieses Mal alle anderen Personen, z.B. Transvestiten, Intersexuelle, Unbestimmte und Travestiekünstler sowieso.

 

Trans*Frau: Frau, die als Mann geboren wurde.

Trans*Mann: Mann, der als Frau geboren wurde.

Bio**Frau: Frau, die mit weiblichem Geschlecht geboren wurde.

Bio**Mann: Mann, der mit männlichem Geschlecht geboren wurde.

Blog - 25.10.2017
Brustaufbau

 

Nach dem üblichen Genehmigungsweg und aufgrund der fehlenden diesbezüglichen Wirkung der Hormontherapie, habe ich Anfang April 2017 endlich den seit meiner Jugend ersehnten Brustaufbau* bekommen.

 

Früher, als alles schlechter war und ich noch kein(e) Brüste / Titten / Hupen / Busen / Oberweite / Äpfelchen / Holz vor der Hütt'n hatte ...  (es gibt ja so viele Namen dafür, warum nur? ;-) ... da hätte ich nie gedacht, dass es für mich jemals zur Normalität werden könnte, eigene wohlproportionierte Brüste zu besitzen; mein eigenes Dekolleté sehen zu können; den ganzen Tag einen BH zu tragen oder wirklich zu spüren, wie sich verschiedene Bekleidungsstoffe über den Brüsten spannen.


Ich habe mir natürlich immer schon Gedanken gemacht, wie es wäre, wenn. Beim Gehen, beim Joggen, beim Springen oder Reiten oder in der Achterbahn. Brüste waren und sind für mich der Inbegriff der Weiblichkeit. "Mammalia", die Säugetiere, zu denen ja nun auch der Mensch gehört, tragen ihren Namen nur wegen Ihnen.
Folgerichtig hatte es eine enorme Faszination, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn ich Brüste hätte. Irgendein Fußballer soll mal gesagt haben "Wenn ich Brüste hätte, würde ich mir den ganzen Tag lang an den Nippeln rumspielen". Ja, so denkt ein Mann.

 

Ich habe jahrzehntelang eine Menge Phantasie und Vorstellungskraft darauf verwendet, mir vorzustellen, wie das wohl wäre. In dieser langen Zeit blieb das für mich die einzige Möglichkeit, meiner Transsexualität Raum zu geben. Die Gedanken sind frei. Aus der jetzigen Perspektive als Transfrau und rückblickend betrachtet, kann ich sagen, dass diese Vorstellungswelt so weit gar nicht weg war von der aktuellen Realität. Natürlich kann ich Extremvorstellungen immer noch nicht vergleichen und werde dies auch nie können. Auch darf ich nicht so vermessen sein, meine operierten "Plastikbrüste" mit natürlich gewachsenen und voll funktionsfähigen Milchdrüsen gleich zu setzen. Das bisschen Drüsengewebe will bei mir einfach keine Milch produzieren. Da half weder ein streßbedingt zu hoher Prolaktinwert, noch unermüdliches Massieren oder Nippelsauger aus dem Erosshop. Ob nicht operierte Brüste auch innen ein Tast- oder Druckgefühl vermitteln, weiß ich nicht. Silikonimplantate können das nicht leisten. Aber das Gefühl, das die Hautoberfläche inkl. der Nippel vermittelt, ist erstaunlicherweise gar nicht so viel anders.


Natürlich merkt man die Hügel, wenn man in Seitenlage oder auf dem Bauch liegt. Auch unflexible und enganliegende Stoffe, z.B. ein straffes Seidentop, bedeuten, dass man zu jeder Zeit das Vorhandensein der Brüste spürt. Verglichen jedoch mit dem Tragegefühl von hochwertigen medizinischen Silikon-Prothesen, wie ich sie ja 2 Jahre lang getragen habe, ist der Unterschied doch nicht so extrem. Das erklärt sich dadurch, dass man im täglichen "Umgang" ja nun meist einen BH trägt, auch, wenn der eigentlich gar nicht erforderlich wäre, denn die operativ gestalteten Brüste sind so jugendlich straff, dass, abgesehen von sportlicher Betätigung, eigentlich keine Stützung und Formgebung erforderlich ist.
Ein BH soll natürlich nicht das Brustgefühl verstärken, sondern mildert es üblicherweise oder blendet es fast aus. Gerade gepolsterte, gut passende und bequeme BH's (gibt es solche tatsächlich?) schaffen es eine Körbchengröße mehr vorzutäuschen und gleichzeitig das Brustgefühl weitestgehend auszublenden. Sitzt man bei der Arbeit bewegungslos vor dem PC, ist das fast kein Unterschied zwischen haben und nicht haben, also zwischen Frau sein und Mann sein. Erst bei Bewegung, bei Berührung und durch entsprechende Bekleidung wird mir dann wieder bewusst, dass sich da noch was "vor der Hütte" befindet.

 

Mit den geänderten Proportionen und mit der zusätzlichen Existenz der Brüste umzugehen, muss tatsächlich auch gelernt werden. 2 Beispiele:

1. Schon vor der Brust-OP in der ersten heißen Phase der Hormontherapie musste ich schmerzhaft lernen, dass man doch besser vorsichtig um Ecken rennt. Wenn die Hormone wirken, wie sie sollen, dann sind die werdenden Brüste doch sehr empfindlich. Wie immer gilt hier die Regel: Wenn es nicht schmerzt und juckt, tut sich auch nichts. Jedenfalls nahm ich in dieser Phase in meiner morgendlichen Eile einen Türdurchgang zu eng und streifte den Türrahmen mit der Brust.  AUA!  Danach war ich wach.
2. In der Umkleidekabine bei NewYorker: Da bin ich, weil warm und Sommer, mal ohne BH hin und habe in der Kabine unbedarft das T-Shirt etwas hochgeschoben, um einen hoch sitzenden Rock besser betrachten zu können. Beim Blick in den Spiegel bin ich echt erschrocken. OMG!!! Da blitzen mir zwei Brüste zwischen Rock und Shirt entgegen. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass diese halboffene Kabine eine echte Privatsphäre gar nicht zulässt, weil jeder (Mann), der will, ohne Weiteres hinein spähen kann. Schnell ziehe ich das Shirt herunter, um Schlimmeres zu verhindern.


Fazit: Meine neuen Brüste sind schneller zur Gewohnheit verkommen, als ich gedacht hätte. Ich muss allerdings noch lernen, vorsichtiger und nicht so unbedarft mit ihnen umzugehen. Ich rede von sozialer Verantwortung, nicht von Eigenschutz: Wenn ich bedenke, was manche Männer oder schlimmer noch, pubertierende Jungs dafür gäben, "echte" Titten in natura sehen zu können. Welche psychischen Folgen da schon ein kurzer Blick auf nackte Brüste haben kann, ... (siehe Eintrag unten "Einschulung und Grundschule") ... dann muss ich vorsichtiger und verantwortungsbewusster mit diesem neuen "Gefahrenpotenzial" umgehen.

Junge Mädchen lernen dies schon anfangs der Pubertät und verinnerlichen dann einen meist zeitlebens gültigen Verhaltenskodex, der den aktuellen sozialen Konventionen genügt. Als Mann war ich diesbezüglich frei von Konventionen und BH's. War mir heiß, habe ich mein Shirt eben ausgezogen. Jetzt muss ich auch die damit verbundenen Beschränkungen lernen. Autodidaktisch, denn es gibt niemand, der/die mir diesbezüglich ins Gewissen redet.


Warum muss ich das überhaupt? Weil ich transident, also eine Transfrau bin und somit die gleichen Ansprüche wie eine biologisch geborene Frau habe. Wäre ich ein Mann oder Transvestit, so könnte mir das wohl schnuppe sein und ich würde mir den ganzen Tag an den Nippeln...

Ich hingegen bin erstaunlicherweise erst glücklich, wenn ich mir meine bisherigen Freiheiten durch ein geändertes Verhalten und das meist unnötige Tragen von BH's derart beschränken kann, wie es eine Frau aufgrund sozialer Kontrolle und ggf. aus rein physisch-praktischen Gründen (ja, ja, die Schwerkraft) schon von klein auf tut.
Und tatsächlich: Ein schlecht sitzender BH mit schmalen einschneidenden Trägern ist höchst unbequem und über den Tag einfach nur lästig und doch erdulde ich ihn gern in dem Bewusstsein, dass ich nun eine Frau bin.

 

 

* Technische Daten:

Ausführung im Uni-Klinikum Essen - Brustzentrum der Frauenklinik, Dr. Hoffmann.
OP-Verlauf sehr gut. 10 Tage Klinik + 6 Wochen Kompressions-BH + ca. 3 Monate Heilung

Vorher nicht mal Körbchen AAA. Nur minimale Entwicklung von Drüsengewebe. Deshalb hat die Krankenkasse nach dem üblichen Zaudern auch gezahlt.

Hinterher 90 B-C. Runde Silikon-Implantate der neuesten (und sicheren) Generation, 450 g/Implantat

Einschränkungen: anfängliche Taubheit, Schmerzen, für meinen Geschmack etwas zu hohe Viskosität

Insgesamt bin ich damit aber sehr zufrieden.

24.10.2017

START des Blogs

 

Heute habe ich mich entschlossen, meine Homepage endlich mit Inhalten zu füttern und mein Tagebuch größtenteils unverändert zu publizieren.

 

Als Fortführung des Tagebuchs möchte ich nun aktuelle Erlebnisse und Gedanken als Blog-Artikel einstellen. Ich schreibe gerne, wie man sicher unschwer anhand des Tagebuchumfangs vermuten kann. Einerseits verspreche ich mir davon Selbsthilfe, um meine eigenen Probleme durch das Schreiben besser zu bewältigen (ich quatsche halt nicht gerne über meine Probleme, schon gar nicht am Telefon), andererseits möchte ich auch Hilfe für andere Betroffene anbieten, indem ich hier offen aufkläre.

 

Natürlich gibt es viele Transitionen, die anders verlaufen. Das Alter, in dem die Selbsterkenntnis stattfindet, ist dabei ein entscheidender Faktor. Ich kann hier natürlich nur über meinen Fall schreiben. Es gibt aber nur einen möglichen Weg, wenn man seinen Wandel offiziell durchziehen möchte: Den von mir im Tagebuch "Schema F" genannten, gesetzlich vorgeschriebenen Weg. Wie dieser chronologisch und systematisch abläuft, das ist eigentlich immer noch nicht ordentlich dokumentiert. Es ist aber extrem wichtig, sich darüber klar zu sein. Mein Rat: Fragt auf jeden Fall Transidente, die ihre Transition erfolgreich hinter sich gebracht haben. Die, die es nicht geschafft haben, könnt ihr häufig nicht mehr fragen, sondern nur noch besuchen. Auf dem Friedhof!

 

Neben den behandelnden Ärzten (Endokrinologen, Chirurgen, Gynäkologen, Urologen), den zwei beauftragten gerichtlichen Gutachtern (Psychologen) und dem Amtsrichter, ist es vor allem der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK), der die zu erbringenden Nachweise und die Chronologie einer Transition vorschreibt. Wer also, so wie ich, möglichst zügig diese schwere Zeit hinter sich bringen will, sollte sich darüber genau informieren, ansonsten kommt es unweigerlich zu, ich nenne es mal so, "Fehlern im Transitionsprozess". Diese Fehler kosten Zeit und evt. auch eine Menge Geld. Denn, wenn sich das "Schema F" aufhängt, so kostet Euch das evt. auch anderthalb Lebensjahre und ein paar tausend Euro extra. Das ist vermeidbar, wenn man weiß, wie das System funktioniert.

 

10.2017

ENDE des Tagebuchs

 

An dieser Stelle endet das Tagebuch, das ich als transidenten Lebenslauf zu schreiben begonnen habe und dann darin auch meinen Shift sowie den nachfolgenden Wandel zur Unterstützung der psychotherapeutischen Diagnose dokumentiert habe.

 

Seit dem sind gute 2 Jahre vergangen und ich kann nicht behaupten, in dieser Zeit wäre nichts passiert. 2 Jahre, in denen ich meine Entscheidung trotz aller Probleme weder revidiert noch bereut habe, aber ich war zweimal kurz davor, die "Flinte ins Korn zu schmeißen". Im August 2014 noch körperlich fit und psychisch gesund, habe ich erfahren müssen, dass die Transition und die damit einhergehenden persönlichen, medizinischen und behördlichen Probleme mich so fertig machen konnten, dass ich 2016 zweimal kurz davor stand, mein Leben aufzugeben. Anstatt mir vorzustellen, wie es wäre, auch körperlich eine Frau zu sein, hat man mich soweit gebracht, mir vorzustellen, wie es wäre, wenn ich ein Geländer übersteige und mich aus 25 Meter Höhe einfach fallen ließe.

Nun, ich bin nicht gesprungen und habe es bis hier und heute geschafft.

 

Ich bin jetzt viermal operiert worden, habe noch mindestens 2 OP's vor mir und bin nach einer durch die Psychologen / gerichtlichen Gutachter aufgezwungenen eineinhalb-jährigen Verschleppung des gerichtlichen Verfahrens für die Namens- und Personenstandsänderung endlich auch vor dem Gesetz Frau Katharina Ishana Kumbruch. Dieser steht jetzt auf meiner Geburtsurkunde sowie auf allen Ausweisdokumenten und Kreditkarten. Auch die Post im Briefkasten ist nur noch für mich bestimmt: Frau Ishana Kumbruch

04.08.2015
Neue Gefühle

 

Oft sind es die Kleinigkeiten, die im Leben zählen. Zumindest, wenn man darauf achtet. Und ich achte aktuell auf wirklich alles, weil ich meine Transition so bewusst, wie nur möglich, erleben will.
 

Es hat schon fast den Anspruch einer Todkranken, die im Bewusstsein, dass sie nur noch 3 Wochen zu leben hat, aus jedem verbleibenden Tag das Maximum an Erlebnissen heraus holen will, bevor sie der Sensenmann besuchen kommt. Ganz so dringlich ist es bei mir natürlich nicht.
Aber der Anspruch ist derselbe. Ich habe bis zum Gegenbeweis nach meinem Tod nur ein Leben und es gilt, dieses nach jahrzehntelanger Verdrängung meines wahren Ichs endlich so zu gestalten und zu erleben, wie es seit meiner Jugend eigentlich hätte sein müssen. Es besteht somit ein riesiger Nachholbedarf, angefangen mit dem Erleben der Veränderungen in der Pubertät. Wer hat in seinem Leben schon die Chance auf eine zweite Pubertät gegengeschlechtlicher Art?

Damit erklärt sich auch meine Ungeduld in allen Dingen, die meinen Wandel betreffen. Es ist die reine Neugier, gemischt mit der Angst, dass mir mein fortgeschrittenes Alter letzten Endes noch einen Strich durch die Rechnung macht. So achte ich auf alles, was nun anders ist oder anders wird.

 

Hier nur ein paar Beispiele:

  • Die Empfindlichkeit der Brustwarzen, die hormonbedingt wachsen und dieses Wachstum durch Juckreiz und Schmerz signalisieren. Morgens im Tran auf dem Weg zur Toilette habe ich eine Kurve zu sehr geschnitten und habe mit der rechten Brust den Türrahmen gestriffen. Holla! Danach war ich wach. Das tat richtig weh. Oder beim Sonnenbad auf der Liege schnell mal auf den Bauch gedreht, damit auch die Kehrseite ein wenig UV abbekommt. Da kam es mir vor, als hätte ich bereits Körbchengröße B.
  • Das Gefühl, das die Ohrringe vermitteln, wenn ich den Kopf schüttel.
  • Meine Haare im Nacken.
  • Dauerfrieren bei 23° Celsius!
  • Meine gestiegene Emotionalität, die gerne mal in Zickigkeit ausartet und kleine Mücken in große Elefanten verwandelt, so z.B. eine tief empfundene Traurigkeit bei sozial berührenden Themen oder wenn ich gute Musik höre.

 

So zeigt sich, dass ich sogar an sich negative Gefühle als positiv empfinde und erlebe, weil ich mir bewusst bin, dass diese den beginnenden körperlichen und psychischen Wandel zur Frau anzeigen.

 

In diesem Bewusstsein genieße ich sogar Schmerz und Trauer und bin glücklich endlich Frau zu sein.

30.07.2015
Permanent-Kosmetik

 

Heute hatte ich einen Beratungstermin für Permanent-Kosmetik bei einer Fachkosmetikerin.
Ich möchte mir permanente dunkle Lidstriche machen lassen.
Für den 01.10.2015 habe ich die Ausführung vereinbart.

Diese Entscheidung ist dann auch ziemlich endgültig. So ein Lidstrich verblasst zwar über die Jahre, ist aber, genauso wie ein Tattoo nicht mehr zu entfernen.

Vorteil: Man braucht sich nicht mehr so aufwendig schminken. Das Ziehen eines sauberen Lidstriches in der morgendlichen Eile ist immer so eine Sache und kostet immer Zeit. Und ich gehe nicht mehr ohne raus.

Nachteil: Die Geschichte kostet und ist auch nicht ganz ungefährlich, weil so nah am Auge gestochen wird. De facto ist das ja eine Tätowierarbeit.

 

21.07.2015
Bei der Arbeit

 

Über meine Arbeitsstelle bzw. meine Kollegen kann ich nur Gutes berichten. Es gibt keine Probleme, nicht die geringsten Anzeichen von Diskriminierung. Der Umgang vorher und nach dem beruflichen Outing ist unverändert gut. Allenfalls ist vielleicht gerade bei den Kollegen , mit denen ich vorher besonders gut (eher schon privat-freundschaftlich) stand, etwas mehr Zurückhaltung zu spüren. Aber ich denke, dass sich das im Laufe der Zeit (jetzt sind gerade mal 7 Wochen seit dem Outing vergangen) wieder bessern wird. Der rein berufliche Umgang, den ich in Erfüllung meiner Arbeitsaufgaben mit meinen Kollegen führe, ist absolut vorbildlich. Einige Kontakte sind soger enger und besser geworden.

So sitze ich an meinem Platz und vergesse arbeitsbedingt zeitweise vollständig, dass ich nun als "Fräulein Ishana" hier sitze. Dann wieder wird es mir mit Macht bewusst und plötzlich spüre ich bei jeder Bewegung, dass ich Ohrringe trage, wie meine Haare mich im Nacken kitzeln, dass der enge Rock meine Knie zusammen hält, dass meine Sandaletten offen sind und harte, hohe Absätze haben, dass mein BH etwas zu eng ist, dass meine Brustnippel hormonbedingt schmerzen. Ich sehe meine rosa lackierten Fingernägel, den Schmuck, die glattrasierten Arme, die breiten Hüften.

 

In diesen Momenten empfinde ich pures Glück und so ich gerade darüber schreibe, steht mir das Wasser in den Augen. Ich könnte die ganze Welt umarmen!

08.07.2015
Baustellen

 

Gestern abend hatte ich wieder Termin zur Haarentfernung in Schwelm. Es hat wieder ordentlich weh getan, war aber auch effektiv. Gut, dass ich noch die Cortisonsalbe habe, die die Schwellungen und Rötungen doch relativ schnell abklingen lässt. Tolle Erkenntnis des Abends: Es gibt dort auch einen Laser zur Behandlung von Hautunreinheiten, Pigmentstörungen und Besenreisern. Wir haben das an 3-4 Stellen beispielhaft angewendet und die blauen Äderchen an meinen Beinen, die sich dort erst als blöde Nebenwirkung der Hormontherapie gebildet haben, verschwanden in Sekunden. Das ist also eine schöne (und hoffentlich nicht zu teure) Lösung für meine untere Körperbaustelle.

 

Thema Baustelle: Ich trage jetzt im Sommer bei den warmen bis heißen Temperaturen nur zu gerne Röcke. Damit mir diese stehen, setze ich auf eine Bodyforming-Maßnahme in Form von Hüftpolstern. Eine fertig käufliche Lösung hat mir bis jetzt nicht zugesagt. Die Polster wären zwar pflegeleicht, aber sehen nicht natürlich aus (zu klein, zu kugelig). Die selbstgeshapten Einlegepolster aus PU-Weichschaum hingegen sind für die tägliche Daueranwendung zu empfindlich und reißen spätestens nach dreimal tragen ein und verlängern Toilettenbesuche um das Vielfache. Eine Endlösung wäre eine Eigenfetttransplantation (Bauchfett absaugen und auf die Hüften wieder aufspritzen).

 

Bei der Arbeit sitze ich nun halt im Rock und muss, sofern der Rock nicht supereng ist, immer noch die innere Oberschenkelmuskulatur trainieren, um die Beine geschlossen zu halten. Das macht mir wiederum bewusst, dass ich immer noch "Zwitter" bin. Egal, ob Rock oder Hose, aber ganz sicher beim Tragen eines Rockes, zwänge ich das "Teil" zwischen meine Beine und sichere die Lage mit einer engen Unterhose. So bleibt das den ganzen Tag und führt abends bei Entlastung zu lästigem Juckreiz. Das Sitzen mit eng geschlossenen Beinen wird dadurch ebenfalls erschwert. Glücklicherweise sind in Folge der Hormonwirkung die Hoden schon deutlich kleiner und natürlich auch weniger produktiv geworden und können einfacher nach oben in die Bauchtaschen gedrückt werden, so dass sie nicht mehr so stören oder gar schmerzen.

Warum ich das alles so explizit beschreibe? Weil es für mich eine unangenehme tägliche Last ist und niemand meinen soll, dass ich mit diesem Zustand eigentlich zufrieden wäre.
Meine Unzufriedenheit mit diesem Zustand geht momentan zwar nicht soweit, dass ich hier (andere) gesundheitsschädliche Maßnahmen vornehmen wollte, aber je eher ich das unnütze und störende Geschlechtsteil los bin und mich danach auch endlich uneingeschränkt öffentlich sehen lassen kann (Schwimmbad), desto eher wird für mich ein weiterer / der größte Schritt meines Wandels vollzogen sein. Der Wunsch, mich auch untenrum endlich als Frau fühlen zu können und befreit zu sein, drängt sich dabei immer stärker in den Vordergrund.

 

Ich habe die GaOP immer als letzte Konsequenz meiner Entscheidung, den Wandel zu vollziehen, bezeichnet. Zunächst noch ohne eine psychische Notwendigkeit für diesen Schritt zu spüren. Mit dem täglichen Leben als Frau erkenne ich nun, dass diese Konsequenz für mich aber tatsächlich unabdingbar ist. Ich werde ein Leben als "Zwitterwesen", das sich bis an sein Lebensende selbst zwingen muss, sein angeborenes Geschlecht zu verstecken und zu verdrängen, nicht abfinden. Dies mag momentan noch keine psychische Notwendigkeit sein, aber die Notwendigkeit einfach nur ein "normales", nicht durch selbstverordnete Einschränkungen negativ beeinflusstes Leben führen zu wollen, genügt meiner Meinung nach schon. Die Psyche wird mit der Zeit folgen, sollte sich an diesem Missverhältnis nichts ändern.

03.07.2015
Ein letzter Versuch - Trennung

 

Gestern nachmittag war Termin bei meiner Psychologin. Meine Mutter und mein Bruder L. sind dort erschienen und haben deutlich gemacht, dass praktisch keine Akzeptanz meiner weiblichen Identität vorhanden ist.


Es war eine einzige Katastrophe. Ich hatte darauf gehofft, dass wenigstens die Psychologin vermitteln kann und ein klein wenig mehr Verständnis dafür erreichen kann, warum ich als Transidente ein Problem damit habe, wenn ich 50 Mal pro Stunde als "mein Sohn J." mit allen ers und ihms angesprochen werde, dass meine Toleranz das schon ein paar Mal aushält, mir aber dann irgendwann der Kragen platzt, wenn ich sehe, dass es pure Absicht ist.

Dass ich dann die Personen, die mich nicht akzeptieren in Folge von mir weg stoße und schließlich hilflos flüchte, wird nicht verstanden.

So habe ich gestern dieses entsetzlich peinliche Gespräch, indem meine Angehörigen sogar die ärztliche Fachkompetenz anzweifelten bzw. nicht anerkannten, ertragen und schließlich meine Konsequenzen gezogen. Ja, meine Familie braucht Zeit. Sie sollen sie haben. Sie möchten mit mir reden? Kein Problem. Es hat sich nichts geändert. Wir können jederzeit normal miteinander umgehen.

Alles was ich dafür verlange, ist ein wenig erkennbare Akzeptanz, ein Minimum an "good will". Das ist bis jetzt leider nicht der Fall und ich werde bis auf weiteres keinen weiteren Versuch starten, hier noch ein Umdenken durch Aufklärung, Vermittlung oder einfach nur sozialen Umgang miteinander erreichen zu wollen.


Das Treffen gestern war mein letzter Versuch und bin mit meinem Latein leider am Ende. Wenn selbst die Vermittlung von Gesprächen mit anderen Betroffenen (ich hatte meine Freundin I. vorab darum gebeten, ggf. mit meiner Mutter zu sprechen) oder mit anderen betroffenen Angehörigen (dies hatte die Psychologin angeboten) abgelehnt wird, dann ist das eine Beratungsresistenz, die an Ignoranz grenzt.


Wie geht es weiter: Nun, ich bin groß, ich komme, wie gehabt, alleine klar. Ich werde vorerst keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter aufnehmen. Ich werde auch keine Status-e-mails an meine Brüder senden, um ihnen doch noch irgendwie von mir zu berichten, wie ich das letztens toleranterweise ja noch getan habe. Wer wissen will, wie es mir geht, der soll mich, Frau Ishana Kumbruch, bitte schön grüßen und fragen.


Trotzdem macht mich dieser Schnitt, diese Trennung unendlich traurig. Ich kann einfach nicht verstehen, wieso Menschen aus reiner Intoleranz ihre Familie aufs Spiel setzen.
Ist es wirklich so unmöglich zu fragen: "Hallo Ishana! Wie geht es Dir?"

Ist es so unmöglich, Empathie zu zeigen und sich auch zu freuen, wenn es der Tochter und Schwester gut geht und sie glücklich ist?


Ich kann nicht verstehen, warum das nicht geht!

 

27.06.2015
Akzeptanz und Toleranz

 

Brüste: Nun ja, auch nach gut 4 Wochen Hormontherapie kann von Brüsten natürlich noch keine Rede sein, aber immerhin, es scheint sich doch was zu tun. Meine Nippel sind sehr empfindlich geworden, haben sich weiter vergrößert und unterhalb ist wohl auch das erste etwas härtere Drüsengewebe zu tasten. Meine große Befürchtung ist, dass meine Brüste aufgrund meines fortgeschrittenen Alters nicht mehr richtig und ungleichmäßig wachsen. Ein knappes A-Körbchen reicht der Krankenkasse ja bereits zur Ablehnung des Brustaufbaus und ich müsste die OP dann später selbst zahlen. So kann ich nur hoffen und alles versuchen, dass meine Brüste entweder ein ordentliches Wachstum zeigen oder alternativ besser gar keins.

 

Internet-Identität: Ich habe damit begonnen, meine Internet-Identität ebenfalls zu ändern. Ich bin in unzähligen Web-Shops und einigen Foren registriert, betreibe Online-Banking, Online-Auktionen und Online-Versand. Alle Aktivitäten beruhen auf Registrierungen meiner alten e-mail-Adressen und meines alten Namens. Die meisten Registrierungen lassen sich relativ problemlos ändern. Doch es gibt auch Registrierungen, die nicht so einfach oder bereits jetzt ohne den amtlichen, d.h. amtsgerichtlichen Nachweis einer Namensänderung noch gar nicht änderbar sind.

 

Kaufland: Heute an der Kasse bei Kaufland wurde ich gebeten, meinen Personalausweis vorzuzeigen, weil die Verkäuferin irritiert war und nicht glauben wollte, dass ich der Herr J. Kumbruch sein soll, der da auf der EC-Karte stand. Einerseits doof, andererseits hat mich das sehr befriedigt. Zeigt es doch, dass mein Wandel schon so weit Fortschritte gemacht hat, dass ich nicht mehr in allen Situationen als mein altes, männliches Ich durchgehe. So gesehen macht mich diese Begebenheit auch sehr glücklich.

 

Besuch bei meinem Bruder U.: Ich habe meinen Bruder und seine Familie heute abend für eine Stunde besucht, um zu erfahren, was in meiner Familie so vorgeht, um zu klären, was man über den Eklat bei meiner Mutter denkt, was mit dem Termin bei der Psychologin ist und natürlich auch, um zu sehen, ob es auch bei meinem Bruder Fortschritte "im Denken", soll heißen in der Akzeptanz meiner Transidentität gibt. Das auch dort immer noch nicht alles zum Besten steht, war mir klar, aber immerhin können wir ja miteinander reden.

Fazit: Nach Einschätzung meines Bruders und meiner Schwägerin I. wird sich auf absehbare Zeit bei der "Meinung" / Einstellung meiner Mutter nichts ändern, was bedeutet, dass sie weiterhin keine Akzeptanz aufbringen wird, mich als ihre Tochter anzuerkennen. Trotzdem will sie wohl zum Termin kommen (mein anderer Bruder L. soll sie fahren), hat es aber noch nicht für nötig gehalten, mir dies auch mitzuteilen, obwohl ich sie darum gebeten hatte. Immerhin. So setze ich nun alle Hoffnung auf dieses evt. letzte Gespräch.

Auch mein Bruder und meine Schwägerin, die ich ja auch schon wieder 2 Monate nicht gesehen habe (und die sich ihrerseits ebenfalls nicht weiter nach mir erkundigt haben), scheinen sich in ihrer Einstellung nicht weiter "entwickelt" zu haben. So weit waren sie auch schon beim letzten Treffen zu meinem Geburtstagsessen. Eine vollständige Akzeptanz ist bei beiden nicht vorhanden. Meine Schwägerin versucht das zu vertuschen, indem sie alle persönlichen Anreden vermeidet. Mein Bruder sucht immer noch nach "alternativen Lösungen" und tut sich sogar schwer damit, das fachliche Urteil der Psychologin anzuerkennen.

 

Ich habe ihm ebenfalls klipp und klar gesagt, das ich mindestens kleine Fortschritte in der Akzeptanz erkennen muss und, dass ich auch den Kontakt zu ihnen abbrechen müsste, sollte ich erkennen, dass auf Dauer keine Akzeptanz erreicht wird. Ich verlange nichts, was unmöglich ist. Meine Arbeitskollegen mussten alle von heute auf morgen damit klar kommen und können das auch. Ich verlange nichts, was mir selbst nicht leicht fallen würde. Ich müsste doch sehen, dass die Akzeptanz, die ich da verlangen würde, so unendlich schwer fallen würde, weil wir uns so lange kennen. Tatsächlich? Ich kenne meine Freundin I. seit gut 20 Jahren. 18 Jahre davon als Mann. Fällt es mir deshalb schwer sie jetzt als Frau anzusprechen? NEIN! Ich bringe die Akzeptanz und Toleranz auf. Und das nicht nur, weil ich selbst betroffen bin.

Ich toleriere ja auch 84% der Weltbevölkerung, die an irgendwelche übernatürlichen Geister und Götter glaubt, sofern man mir nicht versucht diesen Glauben aufzuzwingen.

20.06.2015
Haare

 

Meine Haare sind mein aktuell größtes Problem, das mich sehr belastet, weil ich noch keine Lösung gefunden habe.

 

Trotzdem sie wachsen und hinten bereits fast bis auf die Schulter reichen, zahle ich jetzt für die letzten Jahre, in denen das Testosteron seine verheerende Wirkung voll entfalten konnte. Der Haarausfall ist immer noch nicht gestoppt. Auch Alpecin (Koffein-Shampoo) und 7 Monate Regain/Minoxidil (Haarwuchsmittel) haben daran nichts ändern können.

Oben auf dem Kopf fehlt es an allen Ecken und Kanten. Da können die Haare rundherum noch so lang und dicht sein, die kahlen Stellen sind nicht zu übersehen. Letzte Hoffnung ist die Hormonbehandlung, also dass das Cyproteron (Anti-Testosteron - ich nenne es wegen seiner psychischen Nebenwirkungen immer "Cyprotoxin") noch in der Lage ist, den Haarausfall zu stoppen und wenigstens eine gewisse Haarverdichtung an den dünnen Stellen bewirken kann. Sollte das nicht der Fall sein, werde ich für den Rest meines Lebens wohl Perücken oder andere Haarteile tragen müssen. Bei der Arbeit trage ich noch keine Perücke, weil der Wandel diesbezüglich krasser gewesen wäre. Man kennt mich ja und hat die ganze Zeit mitverfolgen können, dass meine Haare immer länger werden. Trotzdem muss ich eher über kurz als über lang eine Lösung finden, die mich nicht gleich einen Tausender kostet, denn das Geld für eine überteuerte "deutsche Qualitätsperücke" habe ich zur Zeit nicht. Ich habe den Anspruch keine kurzen Haare mehr tragen zu wollen. Gut schulterlang sollten sie in jedem Fall mindestens sein. Es müssen nicht die dunklen indischen Langhaarperücken mit Mittelscheitel sein, die ich zur Zeit trage. Ich meine allerdings, dass mir strohblond auch nicht steht, denn ich habe von Natur aus mittel- bis dunkelbraune Haare. Eine Kurzhaarperücke mit Pony sah eigentlich sehr gut aus, und sie ließe sich auch problemlos über meinen eigenen Haaren tragen, die sie hinten prima ergänzen, wenn sie die gleiche Farbe gehabt hätte. Aber sie war fuchsrot und ich konnte sie nicht umfärben, da das billige Teil nur zu ca. 20% aus Echthaar bestand. Also immer noch keine Lösung gefunden.

 

25.05.2015
Ein handfester Streit

 

Nachdem ich meine normalen Sonntagsbesuche bei meiner Mutter wieder aufgenommen hatte und die Kommunikation so einigermaßen wieder hergestellt war, war ich auch am Pfingstmontag zum Kaffeetrinken eingeladen. Ebenfalls da waren mein Bruder U. mit seinen Kindern und meine Schwägerin A. Nachdem ich Platz genommen hatte, fragte mich meine Mutter: "Jens, möchtest Du einen Tee?".

Ich habe darauf absichtlich erst mal nicht reagiert und meine Schwägerin hat meinen Gesichtsausdruck sehr wohl zu deuten gewusst. Auch während der folgenden Unterhaltung war mehrere Male von mir als Mann die Rede und ich habe mich zurück gehalten, denn schließlich war ich ja eingeladen. Aber nachdem die anderen sich verabschiedet hatten, habe ich meine Mutter zur Rede gestellt. Ich musste es einfach wissen, ob sie mich zumindest ein wenig als Frau akzeptieren kann und somit bereit ist, mich ihre Tochter Ishana zu nennen oder nicht.

Transidentität ist ein Begriff, den ich ihr sicher schon mehr als einmal erklärt habe und was es für mich als transidente Person bedeutet und welche Folgen es hat, wenn man / sie meine neue Identität nicht akzeptiert, das weiß sie auch. Jedenfalls war da keine Akzeptanz zu spüren. Nicht mal ansatzweise! Statt dessen wieder die gleichen Vorwürfe. Nichts hatte sich geändert. Kein Fortschritt zu erkennen.

Ich habe sie schließlich von mir weggestoßen, sie lauthals angeschrien. Sie hat mir wie früher als Kind auf den Rücken geschlagen. Ich nahm meine Handtasche und wollte gehen. Sie hat mir die Tür versperrt, sicherlich innerlich zerrissen, weil sie mich einerseits nicht verlieren wollte und andererseits für meine "Uneinsichtigkeit" strafen wollte. Auf dem Weg nach Hause habe ich geheult, weil mich das psychisch furchtbar fertig macht.

 

So hat es wieder richtig gekracht und es wird sich hier vorerst nichts ändern, denn nachdem ich ihr per Karte als letzte Chance noch ein Beratungsgepräch bei meiner Psychologin angeboten und keine Antwort erhalten habe, werde ich keinen weiteren Schritt mehr auf sie zu machen. Ich bin mit meinem Latein auch am Ende. Ich befürchte, dass sie mit der Zeit nicht einsichtiger, sondern nur noch seniler wird und sich ihre Meinung nur noch mehr verfestigen wird.

Ich werde aber zumindest versuchen mit meinen Brüdern über sie zu sprechen, denn der Verlust meiner Mutter, die für mich bis zuletzt immer eine große Stütze war, wenn es um Dinge ging, die mir Probleme bereitet haben, macht mich sehr traurig.

 

Ich bin jetzt vollkommen auf mich allein gestellt und muss damit klar kommen.

 

14.05.2015
Alltag

 

Vieles wird zur Routine. Was vor einigen Wochen noch aufregend und neu war, wird mir jetzt schon zur Alltäglichkeit. So erwähne ich hier nicht mehr, wenn ich einkaufen oder shoppen gehe. Tanken, zur Post fahren, Radfahren - ich lebe von nun an in jeder außerberuflichen Situation als Frau (mit einem immer noch funktionierenden und furchtbar störenden männlichen Geschlechtsteil) und bin leidlich glücklich damit.

 

Montag nachmittag war ich bei schönstem Frühlingswetter alleine im Dortmunder Westfalenpark. Es war relativ leer und ich bin einmal rund spaziert und habe auf einer Bank im Halbschatten einige Seiten gelesen. Die Ruhe tat gut und es gab im Grunde keine einzige negative Reaktion. Mein Passing wird besser.

 

Dienstag bin ich zur Krankenkasse, um eine Krankmeldung einzureichen. Dabei stellte sich heraus, dass man dort noch von nichts wusste. Ich war der Meinung, dass mein Outing beim Hausarzt und die Besuche der Fachärzte (6x Psychologe, 3x Endokrinologe) dort zumindest über die Abrechnungen registriert und somit mein Status als Transgender bekannt geworden wäre. Falsch gedacht. Ich habe deshalb die psychologische Kurz-Beurteilung der Psychologin eingereicht und wenigstens ist damit jetzt klar, was Sache ist.

 

04.05.2015
Berufliches Outing

 

Ein schwieriger Tag heute. Zunächst mal war ich beim Hautarzt, weil mir eine Dornwarze an der rechten Ferse über das Mai-Wochenende ordentliche Probleme bereitet hatte. Von dort zum Josefs-Hospital. Dann noch zum Chirurgen in der Elberfelder Straße zwecks Überweisung. Morgen wieder mitten am Tag zum Josefs. So kann ein normaler Mensch natürlich nicht arbeiten. Hoffe, dass man das Problem im Krankenhaus in den Griff bekommt und ich anschließend noch laufen kann und die Wunde zügig abheilt.

 

Dann habe ich mir aus Unwissenheit auch noch eine astreine Nagelinfektion, einen sogenannten "Greenie" eingefangen. Fast alle Fingernägel sind durch Pseudomonas-Bakterien grün verfärbt. Also nix mehr mit schönen, langen Fingernägeln. Das herrliche Grün muss jetzt über ca. 12 Wochen raus wachsen.

 

Dann fiel zu Hause noch meine ganze Kommunikation aus, d.h. kein Internet, keine e-mails, kein Telefon. Das hat mir dann fast den Rest gegeben (habe geheult und gegen Zimmertüren getreten). Es kommt halt immer alles auf einmal.

Bin dann mittags noch zur Arbeit, wo mein neuer Arbeitsplatz-PC immer noch nicht das tut, was ich gerne von ihm will. Montags gehen die Kollegen immer frühzeitig und so saß ich dann um kurz vor fünf alleine im Büro.

Lediglich der Geschäftsführer war auch noch da…

 

Und so kam, was kommen musste: Ich habe die "Gelegenheit" genutzt und mich geoutet. Ohne Termin, ohne Konzept, ohne vorheriges Zwischenzeugnis, ohne Vorbereitung, ohne schriftliche Unterlagen. Das war natürlich anders geplant, aber jetzt habe ich den Schritt getan und kann nur hoffen, dass weiterhin alles gut läuft. Das Outing ist zunächst mal gut aufgenommen worden. Aber das will noch nichts heißen. In ein paar Tagen sehen wir weiter. Es liegt jetzt an mir, durch Information dafür zu sorgen, dass alles in geordneten Bahnen verläuft, bis dann hoffentlich in einigen Tagen der ganze Betrieb informiert wird.

 

28.04.2015
Diagnose: F64.0

 

Termin bei der Psychologin. Ich habe große Hoffnung in diese Sitzung gesetzt und sie wurde zum Glück nicht enttäuscht. Ich habe meine "gesicherte Diagnose F64.0" erhalten. ENDLICH!

Ich habe auch von meinen letzten Lebenslaufeinträgen erzählt und es wurde noch mal explizit abgefragt, ob meine sexuellen Praktiken transvestitisch bedingt sind. Aber dem ist ja nicht so.

Um es noch mal zu verdeutlichen: Ich habe heute geduscht und bin mit BH und Brust-Prothesen unter die Dusche. Wäre ich Transvestit, so wäre ich dabei sicher erregt gewesen. Jetzt dusche ich und die Brüste sind so selbstverständlich zu einem Teil meines Ichs geworden, dass ich sie kaum noch wahr nehme. Erregt bin ich dadurch jedenfalls in keinster Weise. Die Brüste gehören zu mir und jedes Mal, wenn ich sie abnehmen muss, gleicht das einer Amputation. Deswegen bin ich auch mit "Hupen" unter die Dusche.

 

26.04.2015
Reflektion

 

Habe heute bei der Kontrolle meines Girokontos einen leichten Schock bekommen. Gut 500 Euro im Soll! Das mag vor allem an dem Klamottenwechsel liegen. So günstig sogenannte Basics bei den Klamotten-Discountern auch zu bekommen sind, ein Kubikmeter Klamotten kauft sich auch nicht ohne Geld. Hoffe noch darauf, dass ich ja mittlerweile schon eine gewisse Auswahl habe und dann demnächst nicht mehr so viel brauche, aber ich glaube, meine neue Passion "Shoppen" wird so schnell nicht nachlassen.

 

Heute morgen habe ich vor dem Spiegel gestanden und 5 Minuten lang immer wieder den Kopf geschüttelt. Das hört sich zunächst mal total bekloppt an, aber der Grund dafür ist ganz einfach: Ich habe heute das erste Mal meine eigenen, länger werdenden Haare gespürt. Ich habe zeitlebens immer nur kurze Haare getragen und kenne das Gefühl gar nicht. Mit Perücke schüttel ich den Kopf auch nicht, damit sie nicht verrutscht. Das Feeling beim Schütteln war so toll, dass ich echt nicht mehr aufhören wollte.

Aus dem Spiegel lachte mir (m)ein Gesicht entgegen, gleichzeitig so seltsam verändert und doch so herrlich glücklich!

22.04.2015
Vakuum

 

Heute habe ich mir neue Visitenkarten und Adressaufkleber bestellt. Es widerstrebt mir, wenn ich nach den Outings mit meiner alten Identität auftreten soll. Die neuen Karten / Aufkleber besitzen ein weibliches Design und tragen MEINEN neuen Namen: Ishana Kumbruch

 

Hormone: Ich habe zwischenzeitlich, wie mit meinem Endokrinologen Herrn Dr. H. verabredet, die restliche (wirkungslose?) Estradiol-Salbe aufgebraucht. So weit, so gut. Leider blieben aber noch 1,5 Spenderdosen mit Progesteron-Salbe übrig, von denen er nichts weiß. Und natürlich wende ich diese jetzt an, indem ich sie täglich zweimal auf die Nippel schmiere. Damit das auch schön zur Wirkung kommt (ob diese Salbe wirkt, weiß ich natürlich wieder nicht), wende ich gleichzeitig auch noch Brustsaugschalen an. Diese bleiben immer so lange auf Max-Vakuum, bis meine "Brüste" richtig schön dunkelrot bis leicht blau sind und für eine knappe Minute eine Größe von vielleicht einem halben A-Körbchen besitzen. Länger möchte ich es nicht forcieren. Die einzige Sorge, die ich mir diesbezüglich mache ist, ob diese Eigenbehandlung nicht kontraproduktiv für die erwartete reguläre Hormontherapie ist. Aber angesichts der Tatsache, dass ich seit 7 Monaten! darauf warte und nicht mal sicher sein kann, dass ich sie endlich nächsten Monat auch bekomme / beginnen darf, ist mir das mittlerweile auch egal geworden. Sollte sich zeigen, dass ich meine Hoffnung auf den Beginn der ordentlichen Hormonbehandlung nach Schema F im Mai begraben kann, werde ich mich wieder mit Hormonen aus dem Internet eindecken und vermutlich auch die Dosis steigern. Ich kenne mich gut genug, um zu wissen, dass ich dem Druck nachgeben werde.

 

20.04.2015
2 Wochen noch

 

Freitag nachmittag bereits zum sechsten Mal (monatliche) Laserhaarentfernung der Barthaare. Entgegen I.s Aussage, dass nach dem 3 Mal die Behandlungen weniger schmerzhaft würden, fand ich es wieder ziemlich grenzwertig. Insbesondere im Bereich um die Lippen schlägt der Laser-Impuls heftig bis auf die Zahnwurzeln durch. Trotzdem ertrage ich es und habe mir auch wieder einen weiteren Termin geben lassen. Leider erwischt es nur die dunklen Haare. Alle hellen überleben. Zumindest mit dieser Methode werde ich zukünftig um das verhasste Rasieren nicht herum kommen.


Samstag Saisoneröffnung im Radsportverein Zee Aylienz. Bike-Tour +  Grillen. Ich habe die Gelegenheit genutzt und mich den Vereinsmitgliedern das erste Mal als Frau präsentiert. Abgesehen von einigen verwunderten Blicken derjenigen, die bei der JHV nicht anwesend waren und es noch nicht wussten, keine Probleme. Habe mich mit allen ganz normal unterhalten können. Nach dem Umkleiden fragte mein Freund M., ob ich denn mit "den hohen Absätzen" laufen könnte. Ich hatte Pumps mit gerade mal 5 cm Absatz an und musste über die Frage lachen. Ich habe ihm erklärt, dass ich ja nicht erst seit dem Outing trans* bin und folglich schon so einige Jährchen Übung mit Damenschuhen hätte.


Heute morgen die direkte Frage eines Arbeitskollegen nach meinen Fingernägeln. Ich habe gestern abend 3 1/2 Stunden investiert, um den roten Nagelack zu entfernen und die schon arg verfärbten Nägel in einen halbwegs unauffälligen Zustand zu versetzen. Sie sind jetzt zwar nur weißlich grundiert, fallen aber doch trotzdem auf. Ich habe auf diese Frage schroff reagiert, irgendwas von "Das darf ich Dir jetzt noch nicht sagen." gebrummelt und ihn gebeten, mich das in zwei Wochen noch mal zu fragen. Dann habe ich ihn stehen lassen. Das ist keine Art und Weise, insbesondere da ich diesem Mitarbeiter auch freundschaftlich verbunden bin. Ich kann aber mit direkten Fragen nicht umgehen, da ich sie ohne Outing nicht ehrlich beantworten darf. Das ist und bleibt ein Problem und die Fragen werden jetzt immer häufiger kommen.

2 Wochen noch. 2 WOCHEN - 2 WOCHEN NOCH !!!

 

Ich sitze hier bei der Arbeit und kann mich kaum noch konzentrieren. Die Hoffnung, dass sich im Mai ENDLICH mein Status ändert und ich ENDLICH offiziell als Transidente anerkannt werde, ENDLICH mit einer hoffentlich wirkungsvollen Hormontherapie beginnen kann, ENDLICH in allen Bereichen geoutet bin,  ENDLICH Ohrringe tragen kann, bei denen mir nicht nach einer halben Stunde die Ohrläppchen absterben (Clips) und mich ENDLICH nicht mehr zu verstecken brauche...

Nur diese Hoffnung hält mich noch über Wasser. Sollte diese Hoffnung entäuscht werden... - Nein! Ich ertrage das nicht mehr. Ich hatte mir geschworen, keine "unsauberen Praktiken" mehr bei der Selbstbefriedigung zu tätigen. Diese dient seit meiner Selbsterkenntnis sowieso nur noch dem Zweck unfreiwillige Erektionen zu verhindern. Trotzdem habe ich am Freitag wieder ... zensiert ... Das ist gesundheitsgefährdend (es hat wieder geblutet, ich merke es heute noch beim Wasser lassen) und das ist in höchstem Maße bescheuert. Über dieses üble Thema hatte ich im Zusammenhang mit meiner Transsexualität bislang auch noch nicht wirklich nachgedacht, vermute aber, dass die Zunahme dieser selbstschädlichen Praktiken in den letzten 3-4 Jahren, die mir eine Handvoll schmerzhafter Harnwegsentzündungen inkl. Antibiotika-Behandlung beschert haben, wohl auch psychisch bedingt ist. Es scheint wohl ein Ventil zu sein, wenn der Druck zu groß wird. Anders kann man das wohl nicht verstehen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich sonst sehr gesundheitsbewusst lebe (nicht rauche, nicht trinke, viel Ausdauersport, nur wenig Fleisch...). Und trotz der guten Chance, wieder für eine Woche flach zu liegen, weil sich was entzündet hat, habe ich es wieder getan.

Ich hoffe inständig, dass ich mit dem Wandel ausgeglichener werde und mich zukünftig von diesem Mist distanzieren kann.

 

13.04.2015
Family Affairs

 

Am Samstag hatte ich meine kpl. Familie beim Italiener zum Essen eingeladen und es sind tatsächlich alle gekommen. Ich habe mich darüber wirklich sehr gefreut. Meine beiden Brüder, meine Mutter, meine beiden Schwägerinnen und alle Kinder. Da mein Bruder U. für seine Kinder I. (meine Nichte, 4 Jahre) und C. (mein Neffe, 7 Jahre) keine Betreuung für diesen Abend hatte finden können, hat er sich wohl dazu durchgerungen, die Kinder mit zu bringen, was natürlich einem Outing gegenüber den Kindern gleich kam. Da alle Erwachsenen nun seit 3 1/2 Monaten wissen, was Sache ist, habe ich mich entschieden, bezüglich meines Auftretens / Outfits keine halbgaren Zugeständnisse mehr zu machen und bin im Volloutfit hin. Ich denke, Sie haben auch damit gerechnet. Trotzdem war das für die Kinder und sicher auch für meine Nichte K. (15), schon eine Show. Es ist natürlich schwer, einer Vierjährigen zu erklären, dass der Onkel J. jetzt plötzlich Tante Ishana heißt und sich nicht "verkleidet" hat. Aber das kriege ich schon irgendwie hin, denn nun kann ich alle endlich wieder sehen und brauche mich vor den Kindern nicht mehr zu verstecken.


Alles in allem war der Abend ein Erfolg. Meine Mutter hat sich bei der Verabschiedung dann auch dazu durchgerungen, mich wieder zu sich einzuladen. Man sah es ihr an, wie schwer ihr das fiel und ich kann es verstehen. Ich habe gerne zugesagt und sie am Sonntag abend wieder besucht, so wie ich es auch früher immer getan habe. Auch zu diesem Besuch bin ich als Frau gegangen und wir haben uns ruhig ausgesprochen.

Ich denke, dass sie / wir damit einen guten Schritt weiter gekommen sind und bin wirklich froh darüber. Es wird aber ganz sicher noch ein gutes Stück Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit zu leisten sein, bevor alle Vorurteile und Falschauslegungen ausgeräumt sind.

Ein Beispiel, bei dem ich auch gestern noch mal entschieden widersprechen musste, war die Unterstellung, dass ich nur aus Einsamkeit und mangels Partnerin trans* geworden bin und, dass ich mich doch ansonsten sicher nicht dazu entschlossen hätte. Ich muss dann immer wiederholen, dass dies keine Sache meiner freien Entscheidung gewesen ist, sondern dass mir keine andere Wahl blieb, weil ich im Grunde immer schon trans* war.

Auch die Tatsache, dass sie bei mir keinen so hohen "Leidensdruck" erkennen könne, wird mir nun vorgehalten.

 

Während ich heilfroh bin, dass ich mich frühzeitig genug an meinen Hausarzt und an meine Freundin I. gewandt hatte und so die richtige und schnelle Hilfe bekam, soll ich mich nun dafür rechtfertigen, dass ich keinen psychischen Zusammenbruch gehabt habe?

Hätte ja auch noch 2-3 Jahre darauf warten können, nur damit mein Outing auch glaubhaft wird.

 

09.04.2015
e-mails

 

Heute erhielt ich eine e-mail von I., die mir wieder mal mit ihrer Analysiererei auf den Senkel ging. Einerseits ist es nett, dass sie sich Gedanken um mich macht, aber wir waren überein gekommen, dass ich keine derartigen Analysen mehr akzeptiere und entsprechend bestimmt fiel auch meine Antwort aus. In dieser ist aber auch meine Sichtweise und mein aktueller Status ersichtlich. Daher macht es Sinn, wenn ich den Schriftverkehr hier noch einmal wiedergebe:

I. <i.@.de> hat am 8. April 2015 um 23:56 geschrieben:
> Hallo Ishana,
> Mich hat es etwas betroffen gemacht, was du bei Facebook geschrieben hast:
> ..."Ich warte jetzt seit 6 Monaten darauf, dass ich endlich wenigstens mit der Hormontherapie beginnen darf. Bis dahin ist alles leider nur Cross-Dressing."...
> Wenn du wirklich so denkst, bist du noch nicht soweit! Die Hormone machen dich nicht zur Frau, Brüste nicht und auch Kleidung nicht. Du musst eine Frau sein – immer schon, von Geburt an und erst wenn du das sicher weißt und deutlich fühlst, solltest du weitere Schritte unternehmen...
>Liebe Grüße > I.


"Hallo I.,
irgendwie drehen wir uns im Kreis. Ich sage, ich fühle mich als Frau und habe (Zeitpunkt der dazu nicht nötigen Selbsterkenntnis hin oder her) von mir aus mit einer (leider wirkungslosen) Hormoneinnahme begonnen, um endlich auch äußerlich diesem Denken zu entsprechen. Das seit September 2014. Seit 37 Jahren (in dieser Sache reicht die Rückerinnerung nur bis zum 12. Lebensjahr) bin ich das und seit einem halben Jahr wünsche ich mir auch die äußerliche Anpassung. Erst seit Januar allerdings weiß ich, warum (Selbsterkenntnis).
Und nun erzählst Du mir schon wieder, ich wäre "nicht soweit". Wie weit ich tatsächlich schon war und bin, siehst Du doch daran, wie schnell ich mich in den Alltag begeben habe, nachdem die Selbsterkenntnis vorhanden war. Meine "Drängelei" ist doch nur Ausdruck meines Wunsches, jetzt ENDLICH auch mein Äußeres an mein inneres Bild angepasst zu sehen. Dass eine möglichst zügige Anpassung des Äußeren auch ein akzeptableres Passing ermöglicht, um sich problemloser im Alltag bewegen zu können, brauche ich wohl nicht noch zu betonen. Je länger ich als Mischwesen durch die Gegend rennen muss, um so schwerer habe ich es doch. Und bis dahin ist das ÄUSSERLICH doch wirklich nur Cross-Dressing und Body-Forming. Ich will MEINEN EIGENEN weiblichen Körper spüren und kein gefühloses Silikon und keinen Schaumstoff spazieren führen. Mal ganz abgesehen davon, dass das im Sommer bei etwas Bewegung furchtbar wird.
Das ist mein legitimer Anspruch und ich diskutiere nicht mehr darüber, ob ich mir über mich als Frau noch irgendwie klar werden muss. Damit bin ich nun wirklich durch. Ich habe mich gestern abend in einem weiteren Internet-Forum geoutet, in dem ich schon lange aktiv war und mein Profil von Jaykay zu Ishana ändern lassen. Ist auch dort bislang positiv verlaufen.
Der Anlass für mein Statement auf Facebook war eine Frage von Bikerin M. aus Bochum, die von meinem Outing noch nichts wusste und angesichts der Fotos sehr irritiert war. Sie fragte persönlich nach meinem Status und in diesem Rahmen habe ich ihr den hoffentlichen Beginn der offiziellen Hormontherapie im Mai genannt. Der Satz, den Du oben zitiert hast, ist nur ein kleiner Teil meiner Antwort an M.
 
Also auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Streiche bitte den Gedanken aus Deinem Hirn, ich wäre mit irgendwas nicht soweit. Das Gegenteil ist der Fall. Ich bin weiter. Wenn meine Selbsterkenntnis ein paar Jahre eher stattgefunden hätte, wäre ich seit Jahren "durch" und das ist der Grund, warum mir das alles so unter den langen Nägeln brennt.
Hoffe inständig, dass ich hiermit jetzt deutlich genug geworden bin.
 
LG Ishana"


Letzten Endes geraten wir wohl deshalb ständig aneinander, weil I. jetzt nur noch innere Werte wichtig sind und ich mich auch über Äußerlichkeiten auslasse. Für I., die ja bereits ein sehr gutes Passing erreicht hat und sich also darüber keine Gedanken mehr machen muss, sind jetzt Äußerlichkeiten nebensächlich geworden. Wenn ich also darauf dränge, dass bitte mein männlicher Körper auch endlich weiblich erscheinen und sich anfühlen möge, dann ist mir das absolut wichtig, schon, weil ich nicht ständig öffentlich gedisst werden möchte. Sie sieht diesen Aspekt aber nicht und meint immer, ich wäre ausschließlich auf Äußerlichkeiten fixiert, was nicht der Fall ist.

 

"Hallo Ishana

Das ist alles nicht böse gemeint!

Irgendwie ticken wir anders und ich habe Mühe, mich in dich hineinzudenken.

Aber irgendwann kriege ich das hoffentlich hin. Ich bin morgen Abend im Café Adler.

Hast du Lust?

Liebe Grüße I."

 

Am späten Abend dann noch meine ergänzende Antwort:

 

"Hi I.,

gibt es ein Smiley für einen tiefen Seufzer? Bitte halte es noch ein Weilchen mit mir aus. Jetzt, wo ich meine Haare locker gekämmt habe, den BH und die Silikonbrüste spüre und darüber ein wunderschönes, anschmiegsames Top trage, brauche ich auch nicht weiter unausgeglichene e-mails schreiben. Ich hoffe darauf, dass Dir das irgendwie bekannt vorkommt. Ich bin leider ziemlich verschnupft und möchte morgen nicht das ganze Café anrotzen.

Noch ein Beispiel, was abgeht: Als ich von der Arbeit kam, habe ich mir in der Apotheke noch ein neues Nasenspray gekauft. In Männerklamotten, weil keine Zeit mehr war. Halte ihr das alte Spray unter die Nase und verlange das gleiche in neu. Fragt sie "Brauchen Sie eine Quittung?" Ich sage " Ja, gerne" und warte und warte. Dann die Frage "Warten Sie auf Ihre Quittung?" Ich genervt "Ja, sicher!?" Darauf bekomme ich sie endlich. Angeblich hätte sie gefragt, ob ich eine Tüte brauche. Zu Hause dann sehe ich, dass es nicht die verlangten 15 ml sondern nur die kleine 10ml-Flasche ist. Dafür zeige ich ihr die alte Flasche!  Wenn der Laden da nicht gerade dicht gemacht hätte, wäre ich aus dem Stand wieder hin und hätte alle zur Schnecke gemacht. In Männerklamotten. Wegen einer Kleinigkeit. Ich war so geladen...

Na gut. Es ist auch ein Unding, dass ich da jedes Mal um die Quittung betteln muss, denn die bekommt man dort nur auf ausdrückliche Anfrage. Als ob die nicht genau wüssten, dass man Vorsorgeaufwendungen von der Steuer nur mit Quittung absetzen kann.

 

Wenn ich einen Tag als Mann hinter mir habe, bin ich so geladen, dass ich irgendwann wegen solcher Lappalien durchdrehe. Dieser Tag kann so weit nicht mehr weg sein!"

 

Liebe Grüße Ishana"

 

07.04.2015
Nicht so toll!  vs.  Einfach nur toll!

 

Meinen 49. Geburtstag habe ich abends in der Hörder Selbsthilfe "Lili Marlene" gefeiert. Beim Shoppen gab es mittags in der Stadt eine erste negative Reaktion dreier Frauen, die mich als "Transe" erkannten, meinten lachen zu müssen und "Ach Gottchen! riefen. Nicht so toll!  Ich war aber schon ein paar Meter weiter und habe sie nicht beachtet.

Sollte ich zukünftig einer solchen Reaktion nicht ausweichen können, so würde ich auch "offensive Aufklärung" betreiben, so es meine Zeit zulässt. Das würde bedeuten, dass ich diese Personen freundlich und bestimmt anspreche und sie ein gutes Stück ihres Wegs begleite. Egal, ob sie das wollen oder nicht!  Jedenfalls lange genug, bis sie registrieren, dass auch ich Teil ihrer Welt bin. Das dürfte so gut sein, wie die Behandlung einer Phobie durch Konfrontation. Wir werden sehen.

 

Ansonsten ist über Ostern nicht gar so viel gelaufen, da mich wegen des kalten Wetters eine Erkältung erwischt hat. Am Ostersonntag habe ich nachmittags eine Wanderung über und entlang des Syburger Steilhangs und am Ostermontag einen Spaziergang durch den botanischen Garten der Ruhr-Uni Bochum und die City von Bochum gemacht. Eine sehr tolle Erfahrung war eine lange, leere Fußgängerunterführung am Bochumer Bahnhof. Ich hatte Stiefeletten mit harten Absätzen an. Diese sorgten für laute, knallende Echos in dem Tunnel.

EINFACH NUR TOLL!

 

Und, nein, allzuviel Angst habe ich "als Frau" in einer Unterführung nicht. Schließlich bin ich ja nicht kleiner geworden. Das Pfefferspray, das ich immer dabei habe, sorgt auch für etwas mehr Selbstvertrauen. Ansonsten kann Frau sich für den Notfall auch einen Taser zulegen. Für den gilt aber, wie für jede Waffe: "Lass ihn dir nicht wegnehmen. Er könnte gegen dich eingesetzt werden!" Von daher sollte man sich so eine Anschaffung schon gut überlegen.

 

04.04.2015
Geburtstag

 

Heute ist mein Geburtstag. Glücklicherweise nur der neunundvierzigste. Wenn ich heute auch noch 50 geworden wäre, wäre ich wahrscheinlich depressiv geworden. So habe ich mich aber hoch gestemmt und bin shoppen gegangen. Wieder zu Hause, war überraschenderweise meine Mutter da gewesen und hatte mir Waffeln, Wein, Schokolade und eine Glückwunschkarte auf den Tisch gestellt. Das war ein gutes Zeichen und ich habe mich darüber sehr gefreut. Auch auf Facebook sind ein gutes Dutzend Glückwünsche eingegangen. Bin darüber sehr gerührt.

 

Ich werde am Samstag, den 11.04. die Familie zum Essen einladen (beim Italiener) und bis jetzt wollen auch alle kommen. Das ist schon mehr, als ich erwartet habe und ich bin sehr gespannt, ob sich die angespannten Beziehungen etwas normalisiert haben. Ich werde zum Essen allerdings keine Zugeständnisse mehr machen, was mein Outfit anbetrifft. Beim letzten Treffen habe ich mich noch etwas versteckt. Das werde ich jetzt nicht mehr tun und sie werden lernen müssen, damit umzugehen. Das klingt jetzt, als wäre ich auf Konfrontation aus, aber so ist es nicht gemeint. Ich bin nur mittlerweile viel weiter mit meinem Wandel.

 

01.04.2015
Groß, stark und Mann?

 

Kein Aprilscherz! Heute kam wieder die Ansprache unserer Sekretärin: "Ach Herr Kumbruch. Sie sind doch so ein großer, starker Mann. Können Sie mir wohl bitte einen Karton oben aus dem Regal heben?"


Ich weiß nicht, wie gequält mein Gesichtsausdruck in dem Moment wirken mag (man wird sicher denken, ich wäre nur ungern hilfsbereit), aber ich muss mich zwingen, dann gleich hilfsbereit zu reagieren, anstatt mich zu weigern und laut heraus zu schreien "Nein! Das bin ich nicht. Und den Karton hole ich erst, wenn Sie mich richtig mit Frau Kumbruch anreden."


Bei diesen Gelegenheiten besteht jedenfalls immer die sehr gute Chance, dass die Pferde mit mir durchgehen. Nur die Hoffnung darauf, dass es nur noch 4 unendlich lange Wochen bis zum Mai sind, wo ich mich dann hoffentlich endlich outen darf (Vorgabe der Psychologin, der das alles offensichtlich viel zu schnell geht), geben mir noch Halt.

 

29.03.2015
High-Heel Sport

 

Habe trotz des heutigen Sauwetters eine Radtour und einen abendlichen Spaziergang gemacht. Der Spaziergang diente dazu, ein Restaurant für meinen bevorstehenden Geburtstag zu finden, zu dem ich die Familie einladen möchte. Hoffentlich können sie sich dazu entschließen, meiner Einladung zu folgen. Bin sehr gespannt.

Hatte die Stiefel mit den 9cm-Absätzen an und war schon bis in die Fuzo gegangen, als es wieder anfing zu regnen. Nicht nur das, ein Gewitter nahte und ich hatte noch einen Kilometer zum Auto und keinen Schirm. Also war High-Heel-Sport angesagt. Bin sogar einige Meter gelaufen und habe es so eben noch bis zum Auto geschafft, bevor der große Schütt kam.

 

Stelle fest, dass ich mit den Absätzen sogar rennen kann und bin sehr zufrieden mit mir.

 

27.03.2015
Zweites Outing im Freundeskreis

 

Zweites großes Outing in meinem Verein "Arbeitskreis Kluterthöhle e.V." Zum Ende der JHV habe ich mich dort geoutet, so wie auch I. es schon vor 2 Jahren getan hat. Auch mein Outing wurde gut aufgenommen. Habe mich noch eine Weile danach mit zwei langjährigen Vereinsfreunden unterhalten, die sich natürlich für die Beweggründe interessierten. Habe zum Schluss auch gleich noch den Restaurantbesitzer informiert, denn ich möchte dort auch gerne mal außerhalb der Vereinsgesellschaft essen gehen.

 

Damit ist jetzt meine Familie und der Großteil meines Freundeskreises informiert. Leider fehlt immer noch das berufliche Outing.

 

23.03.2015
Die richtige Entscheidung

 

Gestern war Sonntag und es gibt folgendes zu berichten:

Mittags Inline-Skaten um den Kemnader See (Witten-Herbede), danach noch zur Sparkasse

Abends: Ein Spaziergang in Herdecke auf High-Heels, Ruhrtalweg + Fuzo, danach in Hagen-Vorhalle bei Pizza Pronto Indisch essen gewesen (im Laden)

Alles im Minirock und mit Cup D

 

Bei dem Spaziergang gab es einen unangenehmen Moment: Gleich am Anfang auf dem Zugangsweg zum Ruhrtalweg kam mir eine Gruppe von 6-7 männlichen "Personen mit Migrationshintergrund" Ende 20 entgegen. Ich habe mich gezwungen, einfach normal weiter zu gehen. 5 Meter vor der Begegnung setzt ein großes Gelächter ein und ich denke schon "Das war's. Weglaufen auf 11 cm Absätzen geht nicht." Trotzdem bin ich einfach geradeaus weiter gestöckelt. Und siehe da! Das Lachen galt gar nicht mir. Die Gruppe war zu sehr mit sich selbst beschäftigt und nahm von mir gar keine Notiz.

Puh! Ich war so erleichtert, dass ich selbst lachen musste. Wenn ich hier, wie auch immer, reagiert hätte, dann hätte ich das Falsche getan. So habe ich nicht reagiert und konnte unbehelligt passieren.

Ich hoffe, dass ich zukünftig immer die richtige Entscheidung treffe.

 

17.03.2015
Im Beruf: Wenn Ihr wüsstet

 

Nachdem ich während meines Urlaubs gute 2 Wochen zumindest bekleidungstechnisch Frau sein durfte, fällt mir die Rückkehr zur Arbeit nun sehr schwer. Die Arbeitsaufgaben stellen dabei momentan glücklicherweise keinen zusätzlichen Streß bereit. Trotzdem bin ich grundsätzlich missmutig gelaunt, rede kaum ein Wort mit den Kollegen und sehne den Tag meines Outings herbei. Ich trage ein durchsichtiges Stirnband, mit dem ich noch für 3 Wochen meine operierten Ohren sichern soll. Heute kam eine Frage, ob ich mir die Haare dunkler gefärbt habe, was ja auch der Fall ist.

Bezüglich meiner langen Fingernägel sind glücklicherweise noch keine weiteren Kommentare gekommen. Ich habe es nicht geschafft, die Nägel zu kürzen, nachdem sie mich doch so einige Stunden Arbeit gekostet haben. Die Nägel haben mittlerweile 7 mm Überstand. Ich habe lediglich den knallroten Lack entfernt und sie stattdessen in einem unauffälligem Zartrosa lackiert. Leider sehen die mehrmals nachgefüllten Klargelnägel ohne Lack sehr unsauber aus, weswegen sie eine Lackierung benötigen. Es ist noch etwas gewöhnungsbedürftig mit den langen Nägeln zu tippen, aber es geht doch schon so gut, dass ich keine Nachteile bezüglich meiner Tipp-Performance erkennen kann. Trotzdem muss ich jedes Mal, wenn ein Kollege vorbei geht oder neben mir steht, darauf achten, die Fingernägel in den Handflächen zu verbergen.

Die länger werdenden Haare versuche ich morgens sauber zurück zu bürsten und dann mit Haarspray zu fixieren. Das mag noch für 2-3 Wochen so funktionieren. "Vernünftig" aussehen tut es aber schon lange nicht mehr. Häufig denke ich, wenn ein Kollege mal was über Frauen sagt, "... wenn Du wüsstest..."

 

Alles in allem bin ich sehr unzufrieden mit meinem "Zustand", der mich einschränkt und auch von meiner Arbeit ablenkt. Diese Unzufriedenheit, die sich schon morgens aufbaut, zeigt dann sehr negative Auswirkungen. Ich bin nicht nur unausgeglichen, sondern werde regelrecht aggressiv. Auf der Post, wo ich ja bereits geoutet bin, musste ich kurz vor Schließung und mangels Zeit für's Umziehen ebenfalls noch in Männer-Arbeitsklamotten mein Paket abholen. Die arme Post-Angestellte, die immer sehr freundlich zu mir ist, musste es ausbaden. Ich habe sie behandelt, als ob sie mir gerade 7 Wochen Regenwetter angesagt hätte. Grundlos…

 

Ich registriere das sehr wohl, kann aber nicht dagegen an

 

15.03.2015
Aufwand

 

Am 28.02.15 hatte ich mir, wie geplant (siehe auch Beitrag vom 30.11.2014), meine Segelohren operieren lassen. Die folgenden zwei Wochen habe ich Urlaub genommen, der zur Heilung und Erholung dienen sollte. Die OP ist sehr gut verlaufen. Die Ohren sind nach zwei Wochen schon sehr gut verheilt und man sieht kaum noch etwas. Trotzdem muss ich noch für 3 Wochen ein Stirnband tragen.

Ich habe diese zwei Wochen also praktisch für mich gehabt und habe sie entsprechend genutzt. Zwei Wochen habe ich keine Männerklamotten angerührt und habe vollständig als Frau gelebt. Einkaufen, Tanken, Fahrrad fahren, Skaten, zur Post gehen, shoppen, bei der Sparkasse eine neue EC-Karte bestellen, egal was, ich habe angezogen, was mir gefiel und es öffentlich getragen.

 

Fazit: Es funktioniert. Die Sache hat nur einen klitzekleinen Haken, denn ich bin körperlich ein Mann. So braucht es für die "Kostümierung" immer eine geschlagene Stunde oder auch mal länger, denn ein halbwegs akzeptables Passing ist nicht zu erreichen, wenn ich mir lediglich Damenschuhe, -Jeans und -Jacke anziehen und mir meine drei Haare bürsten würde. So braucht es leider Silikon-Brustprothesen, Hüftpolster, Bodyforming-Unterwäsche, einen zwischen die Beine gedrücktes Geschlechtsteil, Schmuck und eine Menge diverser Farben im Gesicht und auf den Fingernägeln. Keine Frau kann es sich erlauben, sich jedesmal, bevor sie mal eben zur Post geht, eine gute Stunde lang zu schminken. Ich muss es aber, sonst sieht man mich nur als verkleideten Mann. Trotzdem bin ich zufrieden und glücklich damit, denn endlich kann ich überhaupt als Frau leben.

 

Trotzdem ist dieser  Aufwand nichts, was ich auf Dauer, also für den Rest meinens Lebens betreiben möchte. Es sollte legitim sein, verlangen zu dürfen, dass ich, wenn ich eine Frau bin, auch ohne aufwendige Kostümierung als solche erkannt werde.

Silikon-Brüste? Ja toll. Sehen echt aus und wippen je nach Größe und Gewicht auch schön. Aber das Gefühl steht dahinter zurück.

Selbst-geshapte Hüftpolster? Ja toll. Nur mit einem breiten Hinterteil erfüllt man auch das Bild von der weiblichen Vasenform, den "Kurven" und wird schon von weitem als weiblich erkannt. Aber bei sommerlichen Temperaturen mit dicken Schaumstoffpolstern Sport treiben?

Genauso die Haare. Eine Perücke ist, solange mir die Haare testosteronbedingt weiter ausfallen, im Sommer die einzige Möglichkeit meine beginnende Mönchsglatze und die gräßlichen Geheimratsecken zu verstecken. Ja toll. Aber bei knalliger Sonne mit dicker Langhaarmütze durch die Gegend rennen? Und jedes Mal, wenn der Fiffi durchgeschwitzt ist, einen geschlagenen Tag brauchen, um sie vorsichtig zu waschen und langwierig an der Luft zu trocknen?

Einen knappen Minirock tragen? Ja toll. Aber nicht mit Beule vorne. Also muss das unnütze Gemächt nach hinten gedrückt werden. Das ist nicht nur ungesund, sonden verhindert auch, dass ich beim Sitzen die Beine normal übereinander schlagen kann. Usw. usf.

 

All diese kleinen Unzulänglichkeiten summieren sich dann letztendlich zu einer Plage, die ich "Schema-F"-bedingt wohl noch ertragen muss, bis mein Wandel endlich abgeschlossen ist.

Und da kann ich nur wieder ungeduldig fragen: Warum muss ich mir das so lange antun?

 

26.02.2015
Identitätswechsel

 

Habe in Folge gleich mein User-Profil im Vereinsforum der Aylienz auf meinem neuen Namen "Ishana" ändern lassen und beim Admin die Löschung bzw. Übertragung der Inhalte meines alten User-Profils angefragt. Ich war dort sehr aktiv (über 2400 Beiträge) und das Forum würde ohne die alten Beiträge mehr als nur ein paar kleine Lücken haben. Dies ist die zweite Aktion zur formellen Änderung meiner Identität. Viele weitere werden noch folgen, bis endlich und hoffentlich auch die gerichtliche Namens- und Personenstandsänderung genehmigt wird.

 

Die erste Aktion war gestern die Registrierung eines neuen Facebook-Profils. Ich war vorher nie bei Facebook registriert. Da aber viele andere Transidente über Facebook kommunizieren, lohnte es sich endlich auch hier ein Profil anzulegen.

 

25.02.2015
Gerüchteküche / Outing im Freundeskreis

 

In der Firma fängt die Gerüchteküche an zu brodeln. Heute in der Mittagspause beim üblichen 5-Minuten-Plausch mit den Kollegen aus dem Schaltschrankbau lag ein lokales Anzeigenblatt auf dem Tisch. Daraus lugte eine Werbung von NKD. Als ich unbedachterweise danach griff, rief der Kollege, dem ich auch schon verboten hatte, mich weiterhin "Dokumann" zu nennen, da wären ja nur "Frauensachen drin". Das war durchaus provokant gemeint und sollte bestimmt meine Reaktion darauf testen. Als Mann hätte ich jetzt die Nase rümpfen und das Blättchen  zumindest sofort als uninteressant zurück legen müssen.

Aber an dieser Stelle greift meine Ehrlichkeit, mein Selbstbewusstsein und vor allem mein Trotz. NEIN!

Ich interessiere mich für die Damen-Klamotten, weil ich eine Frau bin und ich habe meine Entscheidung getroffen, dies zu leben. Outing hin, Gerüchteküche her, in ein paar Wochen werde ich sowieso jedem sagen, dass ich eine Frau bin und dass ich Ishana heiße. Bis dahin mögen sie denken, was sie wollen. Ich mache mich deswegen nicht verrückt. Habe also das Blättchen ungerührt durchgeschaut und erst dann zurück gelegt.

 
Outing Freundeskreis:

Ich bin in mehreren Vereinen Mitglied. Zwei Vereine stellen ca. 80 Prozent meines Bekannten- und Freundeskreises. Der erste Verein ist der bereits unten erwähnte Höhlenforschungsverein AKKH e.V. Der zweite Verein ist der MTB-Radsportverein Zee Aylienz MTB Hagen e.V.

Heute stand mein großes Outing bei den Aylienz an. Der Vorstand meines Radsportvereins hatte seine JHV für heute angesetzt und ich habe die Gelegenheit genutzt und allen Anwesenden hochoffiziell Bescheid gesagt. Für diesen Zweck hatte ich einen kurzen Vortrag für die Vereins-Outings vorbereitet, der vor allem einige Infos zum Thema Transidentität enthielt und die Problematik erläuterte. Da in dem Radsportverein niemand etwas geahnt hat oder gar schon vorher Bescheid wusste, war die Überraschung natürlich perfekt. Um das mündliche Bekenntnis etwas zu stützen, habe ich ein unauffälliges Outfit gewählt, das hoffentlich erst bei genauerem Hinsehen weiblich rüber kommen musste. Nachdem sich die JHV vorher schon sehr lang hingezogen hatte, habe ich meinen 3-seitigen Vortrag vor den anwesenden ca. 40 Leuten (insges. hat der Verein aktuell 89 Mitglieder mit 25% Frauenanteil) stark gerafft. Es hat daraufhin sehr viel Beifall gegeben und bestimmt 7-8 Leute haben mich für meinen Mut gelobt und fanden das "cool". Na ja. Cool war ich bestimmt nicht, sondern furchtbar aufgeregt und letzten Endes bleibt mir ja auch keine andere Wahl, als mich jetzt zu outen, wenn ich mich nicht ein ganzes Jahr weiter verstecken will oder jeden, den ich zufällig mal unterwegs treffe, einzeln informiere. Trotzdem alle vorher schon schnell aufbrechen wollten (ich war ja der letzte TOP nach 4 Stunden Diskutiererei), sollte ich den Text, den ich vorbereitet hatte, trotzdem noch verlesen.

Insgesamt habe ich sehr viel menschliche Wärme gespürt und bin heilfroh und glücklich, dass das Outing so gut gelaufen ist. K. hat mich bei der Verabschiedung sogar umarmt.

Hoffe sehr, dass das im AKKH auch so glatt läuft.

 

Mir ist auf der Fahrt nach Hause auch noch mal bewusst geworden, dass es mit diesem Outing keinen Weg mehr zurück gibt, auch wenn sich rein physisch bisher nichts geändert hat.

 

23.02.2015
Alltagsprobleme

 

Gestern im Volloutfit nach Unna und Schwerte zum Schaufensterbummel. In Unna war Stoffmarkt und entsprechend viel los. Musste unbedingt meine neuen High-Heels anziehen, weil die farblich genau zur blauen Strumpfhose passten. 10 cm Absatzhöhe bei Gr. 43 sind an sich kein Thema. Aber Unna hat 3/4 der Fuzo mit Kopf- und Bruchsteinpflaster versehen. Das macht so einen "Bummel" schon zur Herausforderung für die Waden, denn wenn man nicht alle Nase lang mit den Pfennigabsätzen in den Zwischenräumen des Pflasters hängen bleiben will, muss man dort praktisch konstant auf den Zehenspitzen laufen, damit der Absatz nicht belastet wird. So wird ein Kilometer zur sportlichen Herausforderung und das anfängliche Unsicherheitsgefühl weicht schnell der Konzentration auf die realen Gefahren, z.B. zu stolpern oder sich den Absatz zu ruinieren.

Heute morgen dann der theoretische Supergau in der Firma. Ich hätte es wissen müssen, aber eigentlich ist es mir auch egal. Ich hatte vom Firmenfaxgerät eine Terminbestätigung an meine Psychologin versendet, weil diese in Urlaub war. Diese kam dummerweise per Fax retour und landete damit subito bei der Chefsekretärin. Kann nur hoffen, dass sie nicht zu genau hingeschaut hat, bzw. wenigstens verschwiegen genug ist, um die Geschäftsführung nicht zu informieren. Somit ist das Outing, das mir von seiten der Psychologin eigentlich verboten wurde, nun zumindest teilweise schon durch die Ärztin selbst initiiert worden. Lustig! Eigentlich wollte/sollte ich den 01.05.2015 als frühesten Termin für das berufliche Outing ansetzen, weil dann erst die berufliche Rechtschutzversicherung greift, die ich im Januar vorsichtshalber abgeschlossen habe.

 

Ich hatte ja zu Beginn der psychologischen Begleitung / Behandlung noch behauptet, dass ich auch nach dem beruflichen Outing "unauffällig", soll heißen, eher männlich oder androgyn gekleidet meinem Job nachgehen will / könnte. Dies sozusagen als Zugeständnis an das soziale Miteinander am Arbeitsplatz, im Sinne des evt. besorgten Arbeitgebers und sicher auch aus Angst vor der täglichen Konfrontation mit der "Arbeiterklasse".
Aber je mehr ich privat 24 Stunden am Tag Frauenkleidung trage und durch und durch glücklich damit bin, desto mehr erscheint mir dieses Zugeständnis als untragbar. Sicher muss man nicht mit Etui-Rock und High-Heels im Büro aufschlagen, erst recht nicht, wenn Frau sich auch ein bis mehrere Male am Tag in die Fertigung begeben muss, um von den dortigen Mitarbeitern Infos zu erbitten, so wie ich im Rahmen meiner Arbeitsaufgaben. Hierzu sind dann ja eigentlich auch Sicherheitsschuhe zu tragen.
Aber ich merke jetzt schon, dass mir dieses Zugeständnis zu weit reicht. Genauso, wie es mir jetzt morgens so schwer fällt, alle äußeren weiblichen Attribute abzulegen und mich männlich zu tarnen, genauso schwer wird es mir sicher fallen, mich aus diesem Zugeständnis heraus in der Auswahl meiner Bürobekleidung immer noch einschränken zu müssen. Heute morgen habe ich, obwohl ich verschlafen hatte und sowieso schon recht spät dran war, anstatt meiner Herrenschuhe erst die neuen Pumps angezogen, in denen ich mir gestern abend noch schmerzende Füße gelaufen hatte und darin dann geschlagene 5 Minuten vor dem Spiegel posiert und mir vorgestellt, wie es wäre, damit jetzt ins Büro zu fahren. Dann endlich konnte ich mich überwinden, sie wieder auszuziehen und endlich zur Arbeit fahren.

 

21.02.2015
Vorbereitung des 1. Vereins-Outings

 

Vorab-Outing im Verein: Habe heute pflichtbewusst  einen Arbeitseinsatz des Höhlenforschungsvereins AKKH e.V in der Wiehler Tropfsteinhöhle mit gemacht. In diesem Verein bin ich seit 1989 aktiv und die Hälfte meines Bekannten- und Freundeskreises stammt aus diesem Verein. Problem: Meine Freundin I. ist ja im selben Verein Mitglied und hatte sich dort bereits 2013 als trans* geoutet. Jetzt also auch noch ich! Wenn das mal nicht zu viel wurde. Auf der Fahrt nach Wiehl hatte ich den 1. Vorsitzenden S. und ein weiteres Mitglied U. im Auto. Ich habe die Gelegenheit genutzt und beiden vorab erzählt, dass ich mich auf der nächsten JHV ebenfalls als transident outen werde.

Die Reaktion war verhalten / fatalistisch. Andererseits, was erwartet man. Es ist ja o.K. so und es bleibt den anderen ja auch gar keine andere Wahl, als Ja und Amen zu sagen.

 

16.02.2015
Contenance

 

Mir fällt es jeden Tag schwerer, mich zurück zu halten, wenn meine Arbeitskolleginnen, insbesondere unsere Sekretärin, mich für besonders "männliche Tätigkeiten", wie z.B. die Wartung der Drucker und Kopierer oder für das Heben schwerer Ordner oder Kartons einspannt. Ich habe das bislang immer gerne getan und bin auch weiterhin hilfsbereit. Jedoch, wenn meine Hilfe dann damit entlohnt wird, dass man mich für meine männliche Stärke oder mein männliches Verständnis von Bürotechnik lobt, dann ist das für mich eine Strafe und ich würde die Brocken in dem Moment am liebsten schreiend fallen lassen. Leider passiert das immer wieder und es kommt der Tag, wo es aus mir heraus bricht, wenn ich meine Contenance nicht mehr wahren kann, die die Psychotherapeutin mir durch das vorläufige Verbot des beruflichen Outings auferlegt hat. Diese gesetzlich vorgeschriebenen Psychotherapiesitzungen halte ich sowieso für sinnlos. Ich hatte zumindest immer gedacht, dass ein typischer und guter Psychologe, wenn ich auf seinem dunkelbraunen Ledersofa liege, mir, wenn ich ihm mein Innerstes ausschütte, vor allem dadurch hilft, dass er menschlich einfühlsame Tipps bereit hält und mich auch beruhigt, wenn ich mal wieder vor Ungeduld platze. Die drei bisherigen Sitzungen haben mich eines Schlechteren belehrt. Da ist keine Empathie für meine Lage und es gibt auch keine Tipps, die mir helfen und mich aufbauen könnten. Das Reden über meine Situation beruhigt mich nicht, denn es zeigt mir nur um so deutlicher, dass ich keinen Einfluss darauf nehmen kann, das "Schema F" in irgendeiner Weise zu beschleunigen, um mein Ziel, endlich als Frau leben zu können, eher zu erreichen.

 

Unser Konstruktionleiter Herr M. hat mich heute zum zweiten Mal wegen meiner Haare angesprochen, weil ihm die Veränderung meiner Frisur natürlich aufgefallen ist. Ich war zwar letzte Woche beim Damenfriseur (Outing!) und habe dort in der Hoffnung eben solche Ansprachen noch ein wenig hinaus schieben zu können, wenigstens einen etwas gleichmäßigeren, leicht stufigen Schnitt ohne wesentliche Kürzung verlangt. Aber das ist natürlich kein Herrenhaarschnitt und soll es auch ganz bestimmt nie wieder sein. Ich habe Herrn M. gesagt, dass ich seiner Meinung bin, dass meine längeren Haare nicht so gut aussehen, wie der gepflegte Kurzhaarschnitt, den ich früher hatte. Dem ist auch tatsächlich so. Zum Einen, weil sie nicht lang und dicht genug sind und im Wachstum zwischen kurz und lang sowieso nicht gut aussehen. Zum Anderen, weil ich ebenfalls wegen des fehlenden Outings gezwungen bin, die Haare, so gut es geht, zurück zu kämmen und eng an den Kopf "geklascht" zu festigen. Das konnte ich ihm natürlich nicht auf's Brot schmieren. Da ich nicht lügen kann, blieb mir als Begründung nur, zu sagen, dass das schon seinen Grund hätte, über den ich aber nicht weiter gesprochen habe. Dass das nicht zufriedenstellend ist, sollte jedem klar sein.

 

15.02.2015
Ungeduld - Das Schema F

 

Gestern habe ich in der Lili Marlene (Selbsthilfe in Dortmund) beim Kellnern auf der Karnevals-Party geholfen. Mangels Kostüm habe ich ein etwas "gewagteres" Outfit mit schwarzem Kunstlederkleid und Netzstrümpfen plus "Hupen" in Gr. D probiert und es kam gut an. Auf dem Weg zum Lokal kam mir eine Radfahrerin etwa meines Alters entgegen und machte glatt kehrt, um mich vor dem Eingang abzufangen und zu fragen, was es mit der Lili so auf sich hätte. Sie war ehrlich interessiert und lobte mein rückseitiges Erscheinungsbild und meinen Gang. So ein Lob tut gut. Ich hätte sie dafür küssen sollen. Denn ehrlich gesagt, hat mir noch niemals jemand gesagt, dass ich toll aussehen würde.

 

Eine kurze Diskussion mit den anwesenden Ladies gab aber im nachhinein wieder Grund zum Missmut. Es ging wieder mal darum, wie schnell meine Entwicklung vonstatten gehen würde und dass mir zum aktuellen Zeitpunkt eine Hormontherapie bzw. die nicht ärztlich abgesegnete Einnahme von Hormonen, nicht zustehen würde. Ich sagte Ihnen zwar, dass ich da nichts forcieren würde, sondern wie angeraten, alle Alltags- / Öffentlichkeitsauftritte in kleinen, überlegten Schritten und nur nach Lust und Laune mache, aber R. und M. war das immer noch zu schnell. Dabei haben sie doch selbst erfahren müssen, dass es "ewig" dauert, bis man nach "Schema F" (damit bezeichne ich den einzig möglichen Ablauf des gesetzlich vorgeschriebenen transidenten Wandels) endlich das Gutachten und damit die Erlaubnis bekommt, seinen Körper hormonell anpassen zu dürfen, haben selbst darunter gelitten, wie jede Trans*Person und vertreten diese Auffassung trotzdem.

Ich hingegen sehe das nicht ein. Ich weiß, dass ich meinen Weg sehr zügig beschreite, aber da ist nichts überstürzt oder unüberlegt. Es ist eher eine plötzliche Befreiung! Meine Selbstfindung ist abgeschlossen. Ich weiß nun, wer ich bin und dass ich transident bin. Ich habe meine Entscheidung getroffen, den Weg des Wandels zu gehen und vertrete diese jedem gegenüber. Ich denke als Ingenieurin natürlich zielbewusst und zweckoptimiert. Wartezeit muss mir glaubhaft erklärt werden, sonst halte ich sie für Verzögerungstaktik um des lieben Reibachs willen. Aber ich werde meine Entwicklung hin zu meinem persönlichen Glück nicht zuliebe eines Gutachtens künstlich verzögern.

Sollte mir eine Verzögerung nicht plausibel gemacht werden, besteht die gute Chance, dass ich die Therapie aus Trotz abbreche, mir womöglich die Hormone und Blocker illegal besorge und mein Leben als Frau Ishana K. lebe, ohne irgendeine Rücksicht auf das "Schema F" oder gerichtliche Behördenwillkür zu nehmen. Ich bin, wie ich bin und ob das in meinem Pass oder meinem Arbeitsvertrag steht oder nicht, interessiert mich im Grunde nicht die Bohne.

 

Ich habe bislang eine Menge Fragen beantwortet und in diesem Tagebuch gleichsam mein Innerstes offenbart. Ich habe mich bemüht, Klarheit zu schaffen. Aber ich nehme mir geschlagene sechs Monate nach meinem ersten Outing bei meinem Hausarzt (siehe Eintrag 14.08.2014) das Recht heraus, selbst eine einzige kritische Frage zu stellen und ich erwarte darauf eine Antwort:

 

WORAUF WARTE ICH?

 

Darauf, dass das immer noch von meinem männlichen Körper produzierte und wirkende Testosteron mir in den kommenden Monaten endlich eine vollständige Halbglatze beschert, die mich im Sommer bei 30°C und kurz vor dem Hitzekollaps unter eine juckende und nach Schweiß stinkende Perücke zwingt?

 

Oder vielleicht darauf, dass ich beim nächsten Öffentlichkeitsausflug mit einem Ständer unter dem Rock gesehen werde? Momentan bemühe ich mich fast jeden Morgen durch schnelle, lustlose Selbstbefriedigung darum, so einen Supergau zu verhindern, Testosteron abzubauen und den Tag einigermaßen unbehelligt von meinem nutzlosen Geschlecht verleben zu dürfen.

So ich dies schreibe, sitze ich hier im BH mit Brüsten in Gr. D, in rosa Jogging-Hose und rosa-weiß gestreiften Flausch-Socken vor dem PC. Die Haare meiner dunkelbraunen indisch-/chinesischen Langhaarperücke fallen mir auf die nackten Schultern und es fühlt sich so toll an. Noch mal besser könnte ich das genießen, wenn mich mein Geschlechtsteil dabei endlich in Ruhe lassen würde.

 

13.02.2015
Wer schön sein will...

 

Dritter Termin zur Laser-Haarentfernung in Schwelm. Auch beim 3. Mal tat es wieder sehr weh. Ich bin im Volloutfit hin, obwohl im Wartezimmer häufig eine vorderasiatische Kundschaft sitzt. Nach der Behandlung musste ich mir die Tränen aus den Augen wischen, was mit der Schminke nicht so gut war. Der Klinikleiter Herr V. ist der Erste gewesen, der mich in einer e-mail mit "Frau Kumbruch" angeredet hat. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Es bedeutet mir jetzt sehr viel. Leider bin ich, was meine Haare angeht, eine 50/50-Mischung aus dunklen und hellen Haaren. Die dunklen Haare werden mit dem Laser schnell und radikal heraus geschossen, aber helle Haare leiten das Laserlicht leider nicht an die Wurzel weiter. Die Laser-Therapie ist genauso, wie die IPL-Methode, bei hellen Haaren praktisch wirkungslos. Damit gerät mein Ziel, irgendwann ganz auf den verhassten Rasierapparat verzichten zu können, leider wieder in weite Ferne. Übrig bleibt mir dann später wohl nur eine endlos aufwendige und deshalb wesentlich teurere Einzelhaarepilation, auch Elektrokoagulation genannt, weil hier mit Hilfe von Strom die Haarwurzeln einzeln verödet werden, bevor das betreffende Haar heraus gerissen wird. Schmerzfrei wird das bestimmt auch nicht sein.

 

09.02.2015
Der Alltagstest nimmt Fahrt auf

 

Gestern war Sonntag und ich hatte mich mit M. aus der Lebenshilfe Hörde verabredet. Mir ging es eigentlich darum, dass ich U-Bahn fahren wollte. Eine profane Sache, aber nicht für mich.
Es war in den vergangenen Jahren ein immer wiederkehrender Wunschgedanke, in dem ich mich als Frau den glatten, harten Bahnsteig entlang gehen sah.

Das wollte und das habe ich gestern endlich Realität werden lassen. Im "Volloutfit" mit Rock, Perücke, Stiefeln, Handtasche und ohne tarnende Wintermütze. Der Bahnsteig war noch recht leer, aber die Bahn war rappelvoll. Unfassbar! Es gab kaum einen Blick und kein Getuschel. Mein Passing halte ich selbst eigentlich nicht für so toll. Ich würde mich als "Transe" auf 10 m Entfernung erkennen. Aber es funktioniert. Wenn ich immer so gut "durch komme", d.h. die Öffentlichkeit passieren könnte, dann wäre das wirklich toll (Stichwort: "Passing").

 

Anschließend mit M.  2 Stunden durchs Dortmunder "Mukuku" (Museum für Kunst- und Kulturgeschichte). Von der Steinzeit über Spitzweg zum Nierentisch.

Danach wieder mit der U-Bahn zurück zum Auto, aber nicht nach Hause. Nein, es reichte mir nicht. Ich wollte mehr. Also noch eine 2km-Runde durch den Rombergpark spaziert. 9cm-Absätze auf weichem Sandboden und Kopfsteinpflaster. Erfahrungen sammeln. Blicken standhalten. Gesehen werden und Selbstvertrauen aufbauen, auch mal selbst den Blick zu heben.

 

Dann zurück nach Hause? Nein. Ich wollte immer noch mehr. Also in Hagen noch 1km durch die Fuzo. Schaufenster mit Klamotten und Schmuck üben eine Faszination aus, die ich früher nicht verspürt habe. Da habe ich mich eher gefragt, warum ich durch die City laufen soll, wo es Sonntags eh' nichts zu kaufen gibt.

 

Nachdem mich noch ein Typ mit Bierflasche in der Hand nach der nächsten Pizzeria gefragt hat und sich nichts anmerken ließ, als ich ihm mit Männerstimme geantwortet habe, forderten die Kilometer auf den hohen Absätzen ihren Tribut und ich fuhr endlich nach Hause. Dort habe ich nur die Stiefel ausgezogen und habe Perücke und Klamotten erst vor dem Zubettgehen abgelegt.

 

Fazit: Dieser Tag hat mir ein unbeschreibliches Hochgefühl bereitet. Heute morgen dann wieder der übliche Morgenkampf mit den Männerklamotten. Ich habe ihn gemeistert und trage zum Trost halterlose Feinstrümpfe (Nylons mit Spitze) unter der Jeans. Sowas trage ich zum ersten Mal in meinem Leben. Es fühlt sich gut und richtig an.

 

03.02.2015
Konflikt infolge des noch nicht erfolgten beruflichen Outings

 

Habe mich heute morgen beim Anziehen wieder sehr schwer getan. Hatte gestern noch neue Klamotten (Blusen, Strumpfhosen, Leggins) gekauft und wollte diese jetzt natürlich gerne tragen. Aufgrund des fehlenden Outings in der Firma geht das leider nicht. Habe mich damit getröstet, dass ich eine 20DEN-Nylon-Strumpfhose und ein rosa Damen-T-Shirt unter der Herren-Oberbekleidung trage. Jetzt am Arbeitsplatz ertappe ich mich auch, dass ich mich mit eng geschlossenen Beinen auf den Bürostuhl setze, obwohl ich eine Hose und keinen engen Etui-Rock trage. Trotzdem gefällt mir das. Ich muss aber noch "trainieren", denn meine Muskulatur ist hierfür noch nicht sonderlich entwickelt. Schon nach einer Minute muss ich die Beine wieder öffnen, weil sie zu zittern anfangen. Als Mann war ich es gewohnt breitbeinig zu sitzen. Das erfordert weniger Innenschenkelhaltemuskulatur. Ich werde ab jetzt trainieren und die Beine immer schön geschlossen halten. Breitbeinig sitzen geht gar nicht. Ich habe in der Selbsthilfe schon darauf geachtet und fand es schlimm, wenn einige "Mädels" oder solche, die es werden wollen, nicht aufpassen und sich "unanständig" hinsetzen. Auch wenn ich mir dabei wieder häufig das Genital quetsche, dann muss es eben dran glauben. Ich werde es ertragen.

 

01.02.2015
3. Alltagstest

 

Outing bei meiner Postfiliale:

Aufgrund der vielen Online-Bestellungen kennt man mich im Post-Shop meines Stadtteils sehr gut und namentlich. Häufig brauche ich den Laden nur zu betreten, dann geht eine Angestellte schon nach hinten und holt mein Paket. Heute habe ich den Damen reinen Wein eingeschenkt und bin mit dem Fahrrad im leichten Outfit (ohne Perücke, mit Mütze) zur Post gefahren. Die Postangestellte, die mich am besten kennt, war auch da und ich habe sie wirklich so überrascht, dass sie mein Paket erst nach 2 Minuten gefunden hat. Der Mund der Inhaberin wollte sich gar nicht mehr schließen, als ich wieder raus gegangen bin.

 

Heute nachmittag dann in vollem Outfit in Iserlohn und Letmathe Schaufenster bummeln gewesen. Volles Outfit heißt: Pumps mit 9 cm Absätzen, dunkelblaue Thermo-Strumpfhose, BH, Brust-Prothesen Gr. C, Hüftpolster, dunkelblaues Damen-Langarm-Shirt blau mit rosa Punkten, Taillengürtel, kurzer grauer Winterwollrock, dunkelblaue Damen-Winterjacke mit fellbesetzter Kapuze, Langhaarperücke, Haarband, Ring, Ethno-Klimper-Halskette, Umhänge-/Handtasche, bunter Schal und komplett geschminkt.

 

Mein Spiegelbild lächelte mich glücklich an, nachdem ich endlich fertig gestylt war. Lediglich das Haarband war sehr glatt und verrutschte bei Bewegung ständig, so dass ich vor Ort ordentlich mit den Haaren zu kämpfen hatte.

In Iserlohn entdeckten mich zwei Blagen (12-13 Jahre alte Jungs) und spielten verdeckte Ermittler, um heraus zu finden, wer/was ich bin. Das ist lästig, aber ich werde den Umgang damit lernen müssen. Ich denke, dass in dieser Situation eine direkte, freundliche Ansprache geholfen hätte. Situationsbedingte Reaktionen oder alternative Zurückhaltung muss ich aber erst noch lernen. Hier braucht es noch eine ganze Menge Erfahrung, ob, wann und wie ich reagieren muss, um im Alltag möglichst wenig belästigt zu werden. Insofern war auch mein 3. Alltagstest positiv und hat mich weiter gebracht. Böse Anmache habe ich zum Glück bislang noch nicht erfahren.

Und, dass es wunderschön war, in diesem Outfit durch die Fuzos zu laufen, brauche ich nicht extra zu erwähnen.

31.01.2015
Befreiung

 

2. Alltagstest:

Da ich immer noch zu wenig Auswahl im Schrank hängen/liegen habe (woran sich wahrscheinlich wohl nie etwas ändern wird), bin ich heute alleine in Hagen, meiner Heimatstadt, shoppen gegangen. Das Risiko, dass mich jemand aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis so sieht, bin ich einfach eingegangen. Outfit: Stiefeletten mit 6cm-Absatz Damen-Jeans mit Straß-Applikationen, darunter dünne Leggins und Hüft-Polster, BH, die Silikon-Prothesen Gr. C, Spaghetti-Top, Fleece-Pulli, Damen-Steppjacke, Damen-Wintermütze mit Glitzer-Effekt, Schminke. Das Einzige, was noch fehlte, war die Perücke. Mit Mütze sieht das aber auch ohne Perücke schon recht gut aus, weil meine Haare schon recht nett darunter hervor schauen. Man darf halt nur nicht die beginnende "Glatze" oben drauf sehen. Habe in zig Läden Klamotten, eine Umhängetasche und Schuhe gekauft und mich von Verkäuferinnen in Sachen Kosmetik beraten lassen, ohne mit der mascara-schwarzen Wimper zu zucken. Es war schon wieder problemlos, durch die Menschenmengen zu gehen. Kaum einer, der mir hinterher geschaut hat.

 

Es gibt mir ein unglaubliches Hochgefühl, endlich frei das tun zu können, was ich mir jahrelang nur vorgestellt habe: Auf hohen Absätzen über die glatten, harten Böden der Einkaufsmalls zu gehen. Einfach in eine Damenbekleidungs-Boutique oder eine Parfümerie zu gehen und dort hemmungslos zugreifen zu können. Nicht mehr davon rennen zu müssen, um unerkannt zu bleiben. ENDLICH FREI!

 

Eine Wunschvorstellung habe ich bislang noch nicht umgesetzt: U-Bahn-fahren in Dortmund in vollem Outfit und mit hohen Absätzen die Treppen runter zum Bahnsteig gehen. Über den Bahnsteig zu klackern und, die Füße ganz eng aneinander gestellt, auf die Bahn zu warten. So ordinär sich das anhört, es war und ist eine immer wiederkehrende Wunschvorstellung, die mich schon seit Jahren beschäftigt hat. Nächste Woche werde ich sie als nächste Herausforderung endlich verwirklichen: Ich werde in vollem Outfit und auch mit Perücke nach Dortmund fahren und endlich genau das tun, wovon ich schon immer geträumt habe. Vielleicht gehe ich dann noch in das Kunst- und Kulturmuseum. Das Naturkundemuseum hat wegen Umbau leider geschlossen. Ja, das werde ich tun…

 

25.01.2015
1. Alltagstest

 

Ich habe es getan! Was ich mir noch vor ein paar Monaten (siehe 09.2014 - Kinobesuch + Alltagstest) nicht vorstellen konnte, habe ich heute am "heiligen Sonntag" gemacht: Ich habe mich geschminkt, Schmuck angelegt, habe mir ein komplettes weibliches Outfit inkl. Hüftpolster angezogen, Stiefeletten mit 8 cm hohen harten Absätzen und bin nach Wuppertal-Elberfeld sowie nach Hattingen in die Altstadt gefahren und bin dort durch die durchaus belebten Fuzos spaziert. Die Absätze waren schon ziemlich laut und ich war damit fast 1.90m groß, aber egal.

Es war toll! Und die Blicke der Passanten waren wider Erwarten kein Problem.

Gut, im Winter ist man aufgrund der dicken Bekleidung ein gutes Stück weit unauffälliger unterwegs, wie im Sommer, aber ich habe ja noch ein paar Wochen, bis der Sommer kommt. Ich weiß, dass ich damit wieder eine weitere Stufe erklommen habe. Der Alltagstest, vor dem ich mich noch vor ein paar Wochen wirklich gefürchtet habe, hat hiermit tatsächlich schon begonnen. Man hat mir in der Selbsthilfe geraten, hierbei kleine, wohlüberlegte Schritte zu machen, damit ich mich dabei nicht übernehme.

Ich halte mich daran und ich fühle mich gut, solange das gut läuft und gut geht.

 

Nein, ich fühle mich nicht nur gut - ICH BIN GLÜCKLICH!

 

22.01.2015
Das letzte Grübeln

 

Habe mir bei einem Bekleidungs-Discounter im Laden u.a. zwei Damen-Stretch-Jeans, zwei Damen-Shirts und vier Strumpfhosen gekauft. Zu Hause musste ich feststellen, dass eine Strumpfhose bereits ein großes Loch besaß. Früher hätte ich sie aus Scham nicht umgetauscht, insbesondere, weil der Preis im Angebot nur 2.99 Euro betrug. Aber da stehe ich mittlerweile drüber. Also wieder hin und die kaputte Strumpfhose rigoros gegen eine andere umgetauscht. Egal, wer da hinter mir steht und sich seinen Teil denkt. Ishana braucht eine Strumphose, also kauft sie auch eine.

 

Abends kam noch mal "das letzte große Grübeln":

Es ist so: Solange ich so leben und mich kleiden und fühlen darf, wie ich bin, solange geht es mir gut. Ich bin ausgeglichen und ruhig. Früher habe ich mich sehr häufig recht quer verhalten, man könnte es auch "zickig" nennen oder einfach unausgeglichen, wovon auch meine Freunde in den Vereinen ein Lied singen können.

Jetzt hingegen, da ich mich zumindest privat durchgängig weiblich geben kann, verspüre ich diesen psychischen Druck nicht mehr. Das macht mich in diesem Moment aber gleichsam auch unsicher und ich frage mich dann, ob ich tatsächlich transident bin, denn ich fühle diesen stets als wichtigstes Kriterium genannten Leidensdruck dann nicht.

Ganz im Gegenteil: Es geht mir gut! Aber das widerspricht sich doch irgendwie???

 

So überlege ich hin und her, wie sich das nun verhält und endlich erkenne ich es: Ich trage ja gerade Frauenklamotten, selbstgebastelte Hüftpolster, Schmuck und Brustprothesen. Die Brustnippel jucken etwas, weil die Hormonsalbe wirkt und wenn ich den Kopf schüttele, dann fühle ich auch meine länger gewordenen Haare. Ich sitze hier als Frau (wenngleich da noch was zwischen den Beinen stört). Mir geht es also gut, weil das so ist.

Dabei liegt der Umkehrschluss doch so nah: Könnte ich mich jetzt nicht als Frau ausleben, dann ginge es mir nicht nur schlecht, sondern dreckig. Ich merke das doch jeden verd. Morgen, wenn ich wieder als Mann zur Arbeit gehen muss. Und der Kampf bzw. die Versuchung, es nicht mehr nur bei Damen-Unterwäsche, längeren Haaren und Fingernägeln zu belassen, sondern einfach eine Strumpfhose, den nächstschönen Rock und dazu passende Stiefel anzuziehen und endlich wirklich Frau Ishana K. zu sein, wird täglich größer.

 

20.01.2015
Dokumann

 

Heute habe ich einen befreundeten Arbeitskollegen aus der Fertigung (Schaltschrankbau) persönlich angesprochen und ihn gebeten, mich nicht mehr jedes Mal, wenn er mich sieht, "Dokumann" zu nennen bzw. dieses durch die ganze Halle zu schreien. Er hatte sich das im Laufe der Zeit zur lieben Gewohnheit gemacht und ich hatte ihn bereits früher schon mal gebeten, das nicht zu tun, weil er es damit übertrieben hat. Klar, es war freundschaftlich gemeint und ich wusste das zuerst auch zu schätzen. Aber mittlerweile entwickelte ich leider eine so starke Aversion gegen das "Mann" und etliche andere Kollegen fingen auch schon an, mich so zu nennen, dass ich es einfach nicht mehr länger ertragen konnte. Ich habe ihn recht eindringlich zurecht gestoßen und es scheint erst mal gewirkt zu haben. Natürlich habe ich ihn dadurch brüskiert und er ist ziemlich eingeschnappt. Ich kann ihm zudem ja auch den wahren Grund für meine Bitte nicht nennen und habe nur gesagt, dass mir das nicht mehr in den Kram passt.

 

18.01.2015
Wir stehen alle hinter dir - Vorwürfe

 

Nach einem abgebrochenen persönlichen Gespräch (ich bin geflüchtet, weil ich diese sinnlosen Vorwürfe nicht mehr länger ausgehalten hatte) mit meinem Bruder L. und meiner Mutter am heutigen Abend, habe ich einen Brief an meine Angehörigen geschrieben:

 

Liebe Familie K.,

 

es tut mir leid, wenn Ihr mit meiner Transition nicht klar kommt, aber das ist Eure Sache. Toleranz ist ein Wort, dessen Bedeutung Euch offensichtlich erst noch klar werden muss. Dabei braucht es doch nicht mehr als nur das. Was anders verlange ich denn von Euch?

Ich hatte gehofft, dass der Besuch bei dem Wuppertaler Psychologen, den ich Euch zuliebe gemacht habe, Euch diesbezüglich geholfen hätte, aber es scheint leider nicht so zu sein.

Ich bin gerne bereit, wirklich alles, was ich aktuell in der Lage zu tun bin, dazu beizutragen, dass Ihr meinen Weg besser verstehen und akzeptieren könnt. Ich bin auch gerne bereit, über meine Transidentität sachlich zu diskutieren, alle Informationen zu beschaffen, um Euch das Verständnis leichter zu machen und mir auch Eure Vorschläge an zu hören. Aber ich werde mich nicht beschimpfen lassen und ich werde keine falschen Vorwürfe mehr hinnehmen.

Eine kleine Auswahl:

  • Glaubst du nicht, dass du lächerlich aussiehst, wenn du in Frauenkleidern rumläufst?
  • Du hast mir nie die Wahrheit gesagt!
  • Du bist nicht trans, weil du mir nie gesagt hast, dass du dich als Frau fühlst.
  • Du besitzt eine Sammlung Spielzeugautos und fährst gerne MTB. Du bist keine Frau.
  • Du bist ein riesengroßer Egoist und denkst nur an dich. Denke auch mal daran, was wir für Probleme mit deinem Outing haben.
  • Du bist ein Mann. Du weißt ja gar nicht, wie sich eine Frau fühlt.
  • Glaubst du etwa, dass es damit getan ist, sich die Haare und Fingernägel wachsen zu lassen und Schuhe mit hohen Absätzen zu tragen, um eine Frau zu sein?
  • Warum nimmst du Hormone? Weißt du nicht, wie gesundheitsschädlich das ist?
  • Du bist einsam! Nur deshalb machst du das jetzt. Wenn du dich bemüht hättest und eine Frau kennengelernt hättest, dann wärst du normal geblieben.
  • Warum willst du jetzt (als Frau) "schön" sein und gibst sinnlos Geld dafür aus, obwohl das nichts bringt. Du hast doch früher auch noch nie was um dein Aussehen gegeben. Außerdem warst du doch auch schön genug. Und hättest du dich früher mal "ordentlich" herausgeputzt, dann hättest du auch eine Freundin gefunden.
  • Was glaubst du, wer du bist? Eine Frau? Schau dich doch an! Du wirst nie aussehen, wie eine Frau!
  • Du bist trans? Das ist doch kein Problem. Wir stehen alle hinter dir.  ---contra---   Wir haben uns das noch mal überlegt: Wir werden dich in dieser Sache nicht unterstützen.
  • Warum willst du unbedingt als Frau verkleidet rumlaufen? Es gibt doch andere Wege, das auszuleben. Man muss das ja nicht in aller Öffentlichkeit tun. Und schon gar nicht so extrem auffällig.
  • Du machst dich unglücklich! Du weißt ja gar nicht, was du da tust! Denk doch mal an deine Zukunft!

Ich hatte Euch beim letzten Besuch schon gesagt, dass ich mir keine Vorwürfe mehr machen lasse und Ihr hattet mir versprochen, diese zu unterlassen. Ich habe nicht geglaubt, dass Euch das so einfach möglich ist und ich hatte Recht damit. Ich habe Euch auch deutlich zu verstehen gegeben, das Ihr als Angehörige, genauso wie jeder Mensch, den ich kenne, leider nur eine Wahl habt, nämlich mich so zu akzeptieren, wie ich bin und zukünftig sein werde. Genauso, wie ich nur diese eine Wahl habe. Und deshalb hat das mit "Egoismus" (noch ein Vorwurf) nicht das Geringste zu tun.

Ich hatte Euch ebenfalls gesagt, was im allgemeinen passiert, wenn Angehörige zu Akzeptanz und Toleranz sowie zu einem normalen menschlichen Miteinander nicht fähig sind. Ihr werdet mich als Familienmitglied verlieren. Ich werde meinen Weg gehen, ob mit oder ohne meine Familie.

Ich bin todtraurig, wenn ich dies jetzt schreiben muss. Ich kann nur hoffen, dass Euch endlich klar wird, dass ich mich nicht aus Jux und Dollerei geoutet habe, dass ich nicht aus einer Laune heraus Hormone nehme, dass ich einfach nicht mehr anders kann, als endlich nur Frau zu sein. Mag sein, dass es für Euch besser zu verstehen gewesen wäre, wenn ich mit aufgeschnittenen Pulsadern oder weswegen auch immer, erst mal im Krankenhaus und dann für ein paar Wochen oder Monate in der Psychiatrie gelandet wäre. Aber der Leidensdruck, den Ihr bei mir nicht seht, den verursacht Ihr mit Eurer Intoleranz schon ganz von selbst.

Wenn Ihr Euch wieder in der Lage seht, mich so sehen zu wollen, wie ich bin und zwar ohne über meine Transidentität diskutieren zu müssen, dann sagt Bescheid und ich komme gerne oder lade Euch zu mir ein.

Ich werde meine neue Identität ab heute auch Euch gegenüber vertreten. Wie Euch bereits bekannt ist, habe ich mir den Namen Ishana ausgesucht und werde, wenn die Namensänderung gerichtlich genehmigt worden ist, in meinem Pass Ishana eintragen lassen. Mein Name lautet ab jetzt für alle, die mich als Frau akzeptieren oder nicht akzeptieren können, Ishana.

 

In Liebe Ishana

 

Den Brief werde ich morgen in drei Exemplaren an meine Mutter und meine Brüder versenden und ich bin mir bewusst, was das bedeutet.

Soweit zum Thema "Wir stehen alle hinter dir".

 

17.01.2015
Wo soll ich Pinkeln?

 

Habe mir heute die Haare etwas dunkler gefärbt und bin mit meiner neuen Bekannten M. (ebenfalls transident) ins Kino gegangen. Habe mich in Damenklamotten und geschminkt durch die vor der Popcorn-Theke wartenden Menschenmassen gedrängelt und bin glattweg auf das Herrenklo! gegangen, weil ich es ja letztens so festgelegt hatte und, weil ich leider immer noch Mann bin, was das Pinkeln betrifft.

Dummerweise habe ich nicht bedacht, dass das für die Männerwelt ein Problem sein kann, denn in weiblichem Outfit (Rock) habe ich auf dem Männerklo leider auch nichts verloren!

 

12.01.2015
Selbstvertrauen stärken

 

Habe mich zwischenzeitlich mit Kosmetik eingedeckt und habe auch jeden Tag weniger Probleme damit, weibliche Bekleidung und Accessoires in Kaufhäusern und Läden "life" zu erstehen. Sogar das lautstarke Angebot, ob ich für meine ganzen kosmetischen Kleinteile eine Extra-Tüte haben wolle, habe ich an der Kasse mit einem "Danke schön, sehr gerne" angenommen, obwohl die Situation schon fast eine gewisse Ähnlichkeit mit der bekannten Drogerie-Szene aus dem 1990er AIDS-Spot mit Hella von Sinnen hatte: "Tinaaaa, wat kosten die Kondooome?!"

 

09.01.2015
Der Bart muss weg

 

Zweiter Termin in der Schönheitsklinik in Schwelm zur Laserhaarentfernung. Ich lasse mich auf eigene Kosten behandeln, denn die Krankenkasse will dafür partout nicht zahlen. Nachdem das Gerät beim ersten Mal deutlich zu stark eingestellt war (die Verbrennungen waren auch nach knapp 5 Wochen noch sichtbar) habe ich diesmal eine geringere Intensität verlangt und bekommen. Die Effektivität ist dann zwar geringer, aber dauerhafte Schäden gibt es nicht mehr. Es würde ja nichts bringen, Bartschatten vermeiden zu wollen und dafür dunkle Verbrennungsflecken im Gesicht zu haben.

 

Hatte ich schon erwähnt, dass die Prozedur äußerst schmerzhaft ist? Hier gilt leider auch der schöne alte Spruch: "Wer schön sein will, muss leiden." Ich habe die Zähne zusammengebissen und nicht gejammert.

01.01.2015
Glück und erste Sorgen

 

Habe heute morgen um 03:50 Uhr das neue Jahr damit begonnen, von mir ein paar Fotos zu machen, die mich in weiblichem Outfit und mit Perücke zeigen, so wie ich in der Lili war. Kritisch betrachtet ist da noch einige chirurgische und hormonelle Änderungsarbeit von Nöten, aber so lang die Nacht war, ich habe gelächelt und das Lächeln fiel mir leicht, denn ich fühlte mich glücklich.

 

Ein Telefonat mit meiner Mutter verlief dagegen heute nicht gut. Ich habe das Gespräch ohneTschüss abgebrochen.

Sie hat mir zwar einerseits gut zugeredet und bekräftigt, dass alle aus meiner Familie hinter mir stehen und ich bin darüber so unendlich froh. Aber dann verfiel sie in Vorwürfe und es tut mir in der Seele weh, wenn sie mich fragt, ob ich mir in Frauenkleidern nicht lächerlich vorkommen würde. Mein Selbstfindungsprozess ist momentan wirklich schon schwer genug, da helfen solche Vorwürfe in keinster Weise. Sie bewirken bei mir nur Trotz, Wut und Traurigkeit.

Und dann gehe ich absichtlich und viel zu schnell einen weiteren Schritt in eine Zukunft, die letzten Endes wohl unvermeidbar ist. Aus diesem Grund habe ich die Fotos auch an meine Brüder geschickt. Ich weiß, dass solche Reaktionen irgendwie pubertär sind und man kann froh sein, dass ich die Fotos im Kurzschluss nicht auch noch an meine Arbeitskollegen und den gesamten Freundeskreis gesendet habe...

 

Ich habe eine Entscheidung getroffen, dass ich mir in meine Entwicklung nicht mehr rein analysieren lassen werde. Soll heißen, ich akzeptiere keine Bemerkungen mehr über meine Art der Transsexualität. Dafür sind die Psychologen zuständig und nur die. Die werden für ihre Gutachten sicher noch ein halbes Jahr(hundert) brauchen. Das ist die Zeit, die mir alle vorschreiben, die ich angeblich noch brauchen soll. Aber das ist de facto nicht so bei mir. Ich lebe schnell und intensiv. Ich werde also zukünftig solche Bemerkungen, wie "Ich glaube nicht, dass Du transident bist, weil Du nicht den Anspruch hast, auf die Damentoilette zu gehen." auf das Schärfste abwehren. Ich habe hierbei für mich eine klare, einfache Regelung getroffen, um mir das Leben  in der Übergangszeit leichter zu machen und die ist vollkommen unabhängig davon, ob ich den Anspruch habe oder nicht. Dass mein Wandel in anderen Bereichen nicht so einfach und definiert verläuft und ich auf die Barrikaden gehe, wenn man mir in mein Gefühlsleben reinreden will oder mir Zeitvorgaben machen will, wann ich mich dann endlich als Frau fühlen darf, das sieht man hoffentlich auch.

30.12.2014
Jahreswechsel 2014-2015, Meine Zukunft ist weiblich

 

Ein Anruf meiner Mutter holte mich heute wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Es war schon so, wie ich vermutet hatte. Sie hatte sich drei Tage lang Sorgen gemacht, hatte kaum geschlafen und war schließlich typischerweise zu der Überzeugung gekommen, es wäre womöglich noch ihre Schuld, warum ich "so" geworden bin und warum ich nicht von Anfang an offen mit ihr darüber gesprochen hätte.

So hatte ich mir das auch schon gedacht. Nach der ersten (sehr positiven Schock-) Reaktion, kam nun das große Grübeln und die ersten Vorwürfe. Glücklicherweise konnte ich sie in einem persönlichen Gespräch zunächst mal beruhigen. Ich denke aber nicht, dass das auf Dauer reichen wird. Da ist ganz sicher noch einige Überzeugungsarbeit nötig. Wir haben einen Konsens darüber erreicht, dass sie und auch meine Brüder noch einige Informationen aus fachlich kompetenter Hand benötigen und hierzu am besten auch einmal mit Betroffenen aus der Selbsthilfe sowie einem erfahrenen Psychologen mit und über mich sprechen sollten.

 

Bin nachmittags im gleichen Misch-Outfit, wie gestern beim gemeinsamen Shoppen, in Gevelsberg bei Deichmann Schuhe kaufen gegangen. Diesmal alleine, mit Brustprothesen + Zopf und das Klappern der harten Absätze meiner Stiefeletten war in der kleinen Fuzo überdeutlich zu hören. Ich hatte ca. 500 Meter entfernt geparkt und ich spürte auf dem Weg die Blicke einiger Passanten in meinem Rücken so stark, dass ich ein paar Mal vor Schaufenstern stehen bleiben musste, bis sich die Angst gelegt hatte. Noch bin ich in der winterlich dicken Kleidung ja unauffällig. Schwieriger wird es wohl, wenn die Tage wieder wärmer werden, aber bis dahin wird sicher auch mein Selbstvertrauen gewachsen sein.

 

Morgen ist Silvester. Ich freue mich sehr auf die Party in der Selbsthilfe "Lili Marlene", einem Refugium, wo ich so sein darf, wie ich bin, weil dort alle das gleiche Problem haben. Was das nächste Jahr bringen wird, steht in den Sternen und das Bleigießen wird mir wohl kaum prophezeien können, wie ich die nächste Zeit überstehen werde.

 

Aber eins weiß ich bestimmt: Meine Zukunft ist weiblich!

29.12.2014
Shopping-Queens

 

Habe mich mit meiner Freundin I. zum "Shoppen" in Hagen verabredet. Sie kannte die neue Einkaufs-Mall noch nicht und ich hatte ja immer noch keine Erfahrung mit den diversen Damenabteilungen und Boutiquen. So war ich heilfroh, dass ich mich mit ihrer Hilfe dort endlich "frei" bewegen konnte.

Und ich habe es geschafft, zwar mit meiner Männer-Jeans, aber ansonsten doch recht weiblich (Stiefeletten mit 80 mm Absatz, etwas Schminke, Zöpfchen und Brüsten in Größe B unter lila Pulli) geschlagene 7 1/2 Stunden durch die Geschäfte zu rennen, bis selbst I. meinte, dass sie nicht mehr weiter könne. Ausbeute des Marathons: Eine Damen-Winterjacke, die mir sogar einigermaßen passt, ein Winterrock, drei Schlauch-Schals, zwei Pullover, eine skinny Damen-Jeans, … und furchtbar schmerzende Füße, weil die neuen Schuhe noch nicht eingelaufen waren.

 

28.12.2014

4. Outing gegenüber meinem Bruder L.

 

Meinen zwei Jahre jüngeren Bruder L. habe ich ebenfalls zu einem Vier-Augen-Gespräch eingeladen. Auch er war vollkommen ahnungslos. Er nahm es auch recht gefasst auf und meinte sogar, dass er eine seiner Auffassung nach transidente Person aus Hagen kennen würde. Im Nachhinein erfuhr ich von meiner Mutter, dass meine beiden Schwägerinnen versprochen haben, ebenfalls zu mir zu halten. Ich kann gar nicht sagen, wie groß der Felsbrocken ist, der mich zu erdrücken drohte und der mir durch diese Aussage von meiner Brust genommen wurde. Hoffentlich bleibt es dabei.

 

27.12.2014
3. Outing gegenüber meinem Bruder U.

 

Habe dazu meinen sechs Jahre jüngeren Bruder U. zu einem Vier-Augen-Gespräch zu mir nach Hause gebeten ohne ihm vorher zu sagen, worum es geht. Er war wohl der Meinung, es ginge darum, dass ich evt. eine Partnerschaft mit meiner Freundin I. eingehen wolle und fiel aus allen Wolken, als ich ihm meine Transsexualität offenbarte. Er reagierte ruhig, aber skeptisch und war auch beim Abschied nicht wirklich überzeugt, dass ich wirklich transident sein könne. Wir haben uns darauf abgestimmt, dass wir seinen Kindern (7 und 4 Jahre) nichts sagen. Im Nachgang hat er sich mit seiner Frau, meiner Mutter und seinem besten Freund A. über meine Situation beraten und sogar das weiße Kreuz kontaktiert.

 

Am gleichen Tag habe ich endlich damit begonnen, meinen übervollen, großen Kleiderschrank "auszumisten", um Platz zu schaffen, für die immer größere Menge an weiblicher Kleidung. Dazu muss ich etwa einen Kubikmeter männlicher Jacken, Pullover, Hosen, Schlipse usw. aussortieren. Aber egal, wie neu und teuer sie gewesen sein mögen: Endlich kann ich diese verhassten Anzüge, Krawatten und Jackets entsorgen. Eine Erlösung!

 

26.12.2014
2. Outing bei meiner Mutter

 

Nein, ich habe es mir nicht leicht gemacht. Habe erst den ganzen Lebenslauf speziell zu diesem Zweck umgeschrieben und ihn dann doch nicht verlesen, so wie ich es eigentlich vor hatte. Es wäre sicher auch immer noch zu viel gewesen. Meine Mutter ist 73 Jahre alt und ich weiß genau, dass bei ihr gerne jede Mücke zum Elefanten wird, wenn der Tag / die Nacht lang genug ist. Und ich bin ihr ältester Sohn, ihr "lieber Junge", der eben auch etwas mehr Zeit für sie hat, als ihre anderen beiden verheirateten Söhne.

 

Ich habe ihr unter Tränen meine Transsexualität gestanden und habe befürchtet, sie würde deshalb zusammenbrechen. Das Wunder geschah. Sie hat wunderbar reagiert und mich in den Arm genommen. Ich war fassungslos und gleichzeitig überglücklich, denn das hatte ich in dieser Art nicht erwartet.

 

Ich befürchte aber trotzdem, dass ihr die Folgen noch nicht wirklich klar sind. Ich habe sie gefragt, ob ihr nie etwas aufgefallen wäre (siehe Eintrag 08.1976-05.1985 "Schulzeit Fichte-Gymnasium", die Sache mit den Schaumstoffbrüsten). Nein, ich hatte das Malheur wohl tatsächlich so gut vertuscht, dass davon nichts hängen geblieben war. Ob es im Nachhinein nicht besser gewesen wäre, wenn ich damals bereits "aufgeflogen" wäre? Wir konnten es nicht mit Bestimmtheit sagen, weil wir beide nicht sicher waren, wie mein Vater (verstorben 05.1996) damals darauf reagiert hätte.

25.12.2014
Weihnachten

 

Weihnachten, das Fest der Familie, ist fast überstanden. Es war nicht leicht, aber ich habe es geschafft, gefasst zu bleiben. 2-3 Mal kamen mir die Tränen, z.B. als ich Fotos der Kinder meines Bruders geschenkt bekam. Ich musste immer daran denken, was ich den Kleinen antue, wenn ich mich oute und plötzlich Tante statt Onkel sein möchte. Äußerlich gefasst blieb ich auch, als sich meine kleine Nichte mit ihrem neuen rosa Tütü im Kreise drehte. Das war mir nie vergönnt.

Aber heute, am ersten Weihnachtstag, sollte ich ein Party-Bonbon öffnen und darin war ein Rate-Spiel, bei dem ich erraten sollte, welche prominente Person ich bin, ohne den Namen dieser Person zu kennen. Ich hatte das Spiel bis dahin nicht richtig verstanden und war der Meinung, es ginge um mich und als erste Frage sollte ich (z.B.) fragen: "Bin ich ein Mann oder eine Frau?" Ich war in dem Moment so geschockt, dass ich vollständig blockiert war und die anderen das Spiel aufgeben mussten. Ich wollte das Outing ja nicht schon jetzt zu Weihnachten durchziehen, sondern frühestens am 2. Feiertag zuerst meine Mutter einweihen und dann meine Brüder ohne anwesende Kinder.

23.12.2014
Selbsterkenntnis, Reflektion, Shift

 

Die Ungewissheit darüber, was ich bin, ist wohl zu Ende. Einerseits muss ich es akzeptieren, dass man sicher nur entweder Transvestit oder transident sein kann und das auch schon immer gewesen sein muss. Aber was war dann mit mir? Warum habe ich mit meiner Transsexualität ganze 35 Jahre lang keine Probleme gehabt und nun dreht sich der Strudel jede Woche, jeden Tag ein wenig schneller? Warum hat sich alles verändert?

 

Ich meinte, mich zwischen TV und TS entscheiden zu müssen und konnte es nicht. Warum, warum, warum nur? Tag und Nacht. Ein langes Telefonat mit I. nach der unten zitierten e-mail hat mir endlich aufgezeigt, was sein kann, was sicher ist: Sie sagte "Transident bist Du oder Du bist es nicht. Wenn Du Dich jetzt wie eine Frau fühlst und rund um die Uhr für immer eine sein willst, dann bist Du transident. Wenn Du das früher so nicht empfunden hast, dann war das vielleicht nur unterdrückt."

 

Unterdrückt? Hmm. Kann mich nicht entsinnen, irgendwas unterdrückt zu haben, aber ich kann mich diesbezüglich sowieso nicht an vieles entsinnen. Zum Beispiel nicht daran, früher jemals in den Spiegel geschaut zu haben, um mich selbst als Frau zu sehen. Habe ich mich jemals aufwendig geschminkt und darüber nachgedacht, wie ich auf Andere wirken würde; wie Andere mich als Frau sehen und ob sie mich so akzeptieren würden? Nein. Trotzdem war die fast tägliche transsexuelle Praxis einfach schon immer Teil meines Lebens und auch immer selbstverständlich gewesen.

Hier aber tat sich endlich des Rätsels Lösung auf: Ich vermute, dass es an der fehlenden Selbsterkenntnis / Selbstwahrnehmung liegt. Im Fachjargon wird das wohl "Reflektion" genannt. Ich habe nie reflektiert, nie in den Spiegel geschaut und habe mich selbst nicht mal als transsexuell erkannt. Es bestand ja auch keine Notwendigkeit dazu. Ich bin nie erwischt worden und mit mir als Frau konfrontiert worden. So ließ sich das Bild einfach ausblenden. Es genügte mir ja, mich als Frau zu fühlen. Einen sozialen Aspekt gab es dabei nie.

 

Warum aber hatte sich nun alles verändert? I. wird es sicher nicht gerne hören, aber sie (ihr Outing, vor allem ihr Wandel) war der Anlass, die bislang fehlende Konfrontation. Ich habe endlich angefangen mich eingehender mit dem Thema Transsexualität zu beschäftigen, mich zu informieren und in Folge auch über mich selbst nachzudenken. Ich habe endlich angefangen, zu reflektieren (siehe "erstes Outing" 09/2014).

 

Aber auch danach war es ein harter Entscheidungsprozess, immer geprägt durch die Hoffnung, das evtl. doch noch wieder alles so werden könnte, wie früher und ich mir diesen "ganzen Quatsch", wenn man ca. drei Jahre Leidensweg so überhaupt bezeichnen darf, vielleicht doch noch ersparen kann. Ist der Wunsch, eine "richtige" Frau sein zu wollen, vielleicht nur eine vorüber gehende Phase in meinem Leben? Ich weiß sehr wohl, dass die Transition / der Wandel, der schlussendlich mit mehreren OP's besiegelt wird, endgültig sein wird. Es gibt keinen Weg zurück und ich bin mir darüber klar, dass ich es dann aushalten muss, als "Transe" erkannt zu werden und mit tausend Problemen meiner sozialen und weniger sozial eingestellten Umwelt konfrontiert zu werden. Ich befürchte daher und wegen meines jetzigen Aussehens sicher nicht ohne Grund, dass ich ein unerkanntes oder zumindest unauffälliges Leben als Frau nicht werde führen können. Die Furcht, allerorten als "Monster in Frauenkleidern" erkannt zu werden und durch die Probleme in mein altes Dasein zurück gezwungen zu werden (als Frau in Männerkleidern) ist riesengroß. Aber der Drang, ganz Frau sein zu wollen, nimmt parallel immer weiter zu und unterdrückt diese reale Furcht. Mittlerweile bin ich schon so weit, dass ich bereit bin, in Frauenkleidern erkannt zu werden. Ich trage sie privat rund um die Uhr. Der Tag, an dem mich meine Mieter oder Nachbarn in rosa Freizeit-Klamotten oder im kompletten Outfit erwischen werden, ist nicht mehr fern und es ist mir eigentlich schon egal. Ich ziehe mir keine Hose mehr über den Rock, wenn ich das Haus verlasse, um in die "Lili" (Selbsthilfe) zu fahren, damit mich keiner so sieht. Ich bin, wie ich bin. Ich weiß, es braucht noch viel Zeit und noch mehr Mut, wenn ich diesen Weg weiter gehe, aber es gibt kein Zurück. Irgendwann bin ich eine "richtige" Frau.

 

Habe heute laute Musik gehört und dazu im Outfit in meinen neuen Stiefeln getanzt. Weiblich! Mit kreisenden Hüftschwüngen. Das Wasser strömte mir aus den Augen und ich war glücklich!!!

21.12.2014
Selbstfindung

 

Vor zwei Wochen hatte ich den ersten Termin zur Laser-Haarentfernung und noch immer ist mein Gesicht rotfleckig. Die Intensität des Gerätes war wohl zu hoch eingestellt. Die Schmerzen beim Beschuss waren schon zahnarztverdächtig und nach einer gefühlten Stunde war ich so voller Adrenalin, dass ich zu zittern anfing. Trotzdem nehme ich das gerne in Kauf, denn die Behandlung war auch effektiv. Natürlich möchte ich keine bleibenden Hautschäden durch Verbrennungen davon tragen, weswegen ich darum gebeten habe, die Intensität nächstes Mal etwas herunter zu stellen. Aber ich werde in jedem Fall damit weiter machen, egal wie schmerzhaft das ist.

Beim Discounter gab es ein Nagel-UV-Gerät mit Zubehör, mit dem es möglich ist, sich professionelle Gel-Nägel selbst zu machen. Ich habe wieder nicht eine Sekunde überlegt und das Gerät gekauft. Gestern habe ich mir probehalber einen wunderschönen langen Nagel gestaltet und diesen pinkfarben lackiert. Heute weist mich I. darauf hin, dass das einem Outing gleich kommt, denn die künstlichen Nägel kann man so leicht nicht entfernen. Es ist genau wie bei den Hormonen und den Haaren. Ich weiß nicht, warum ich das tue. Ich werde die anderen Nägel in jedem Fall auch modellieren und, bevor ich in 10 Tagen wieder zur Arbeit muss, lediglich etwas kürzer schneiden und klar lackieren. Aber ich finde keinen Weg zurück. Das Gefühl sich mit langen Fingernägeln weiblicher zu fühlen ist so stark, dass keine Vernunft mehr greift.

 

Die Zweifel anfangs der Selbstfindungsphase werden unerträglich:

WARUM? Warum tust du das? Warum nimmst du diese Hormonsalben, noch dazu ohne ärztlichen Rat?

 

Nachfolgend eine e-mail an I., die meinen Zustand verdeutlicht:

 

Hallo I.,

danke für den Tipp. Das ist mir heute morgen auch gerade so aufgegangen. Ich hatte nämlich gestern abend schon mal einen ersten Nagel "modelliert" (nur der kleine an der linken Hand) und es hat auf Anhieb gut geklappt. Tolles Ergebnis.

Outing ja - Outing nein? TV oder TS? Ich bin total daneben. Mit den Nägeln ist es praktisch das gleiche, wie mit den Hormonen. Ich mache es einfach und lasse es darauf ankommen. WARUM? Das ist immer die große Frage. So auch gestern in der Lili, als mir insbesondere M. mit ihrem militanten Schwarz-Weiß-Denken nach Schema F auf die Pelle gerückt ist und doch keine Antwort erhalten hat. Es wäre schön, wenn ich noch die Zeit hätte, die ich eigentlich nach Meinung aller bräuchte, aber wie viel Zeit mir noch bleibt, das steht leider auf einem anderen Blatt. Wenn ich so weiter mache, dann sind es noch ein paar Tage, spätestens 2 Wochen bis zum großen Knall. "WARUM nehmen Sie die Hormone?" hat mich auch die Psychologin gefragt. Ich habe seit dem letzten Termin jeden Tag darüber nachgedacht und als Antwort darauf habe ich allenfalls eine Gegenfrage: "Würden Sie eine Ihrer Meinung nach transidente und suizidgefährdete Person fragen, warum sie nicht mehr leben will?" Die Frage ist doch rein rhetorisch und dient doch höchstens der Konfrontation mit dem Problem. Insofern ist das Ziel auch erreicht. Ich habe mir die ganze Zeit den Kopf darüber zerbrochen.

Mir ist damit aber auch klar geworden, dass ich psychische Probleme habe. Die äußern sich bei dem Einen so und bei mir eben so. Gestern haben wieder alle auf mich eingeredet und versucht mir die schlimmen Folgen einer Hormoneinnahme zu verbildlichen. Das nützt nur leider gar nichts. Ich bin ja nicht dämlich und mir über bestehende Risiken im Klaren. Ändert nichts daran, dass mir diese s-egal sind, solange ich damit dem Frau sein auch nur einen Hoffnungsschimmer weit näher kommen kann. Und wenn die Fachärzte nicht in der Lage sind, mich vor mir selbst zu beschützen, z.B. weil ich Monate auf einen vernünftigerweise verlangten Hormonspiegeltest warten muss, (weil das ja alles seine Zeit braucht und nach Schema F gehen muss), dann gehe ich eben den Bach runter. Hört sich alles sehr furchtbar an, ist aber wohl nichts anderes, als wenn eine Transidente sagt "Ich bringe mich eher um, als dass ich noch weiter ein Mann sein will". Vermute ich…

Habe meiner Mutter versprochen, sie heute nachmittag vom Bahnhof abzuholen. Bis dahin muss ich wenigstens den pinken Nagellack wieder entfernen, wenn es nicht schon vor dem Weihnachtsfest zum Eklat kommen soll. Den Nagel werde ich nicht antasten, dafür ist er zu schön. Und heute Abend mache ich mir den nächsten. Und in 2 Wochen, wenn ich wieder zur Arbeit muss, dann werde ich bestimmt 10 wunderschöne Nägel haben!

 

Jetzt sitze ich hier und heule Mascara-schwarze Tränen, weil ich mit dem Schreiben dieser verdammten e-mail erkannt habe, dass ich da nicht mehr raus komme… weil ich es nicht schaffe, mich selbst zu zwingen, das nicht zu tun, mich endlich abzuschminken und weiter so "vernünftig" und unauffällig zu sein, wie ich es 35 Jahre lang war.

 

Ich habe keine Zeit mehr!

20.12.2014
Klamotten

 

Es ist kurz vor Weihnachten. Ich habe endlich Urlaub und etwas Zeit für mich. Gestern war ich in Dortmund, um mir eine Jacke zu kaufen. Meine Auswahl diesbezüglich beschränkt sich leider immer noch auf zwei leichte Fleece-Jacken. Man kann sagen, dass ich nach und nach die Auswahl der halben Abteilung in die Umkleidekabine geschleppt habe und trotzdem nichts Passendes gefunden habe. Die Anatomie stimmt eben nicht. Ich bin groß und schlank und mir würden in der Taille Damenjacken der Größe 40 gut passen. Leider sind sie dann in den Schultern zu schmal und haben 5 cm zu kurze Ärmel. Nehme ich die Jacke zwei oder gar drei Nummern größer, passt mir die Jacke zwar an den Schultern, ist aber viel zu weit, hängt runter wie ein Sack und die Ärmel sind immer noch zu kurz.

Absolut schwierig auch die Frauenabteilung. Je weiblicher die Klamotten, desto schwieriger wird die Auswahl für mich. Wäre ich direkt als Transidente erkennbar, wäre das vermutlich wesentlich leichter. Aber ich bin ja "ein Mann" und nur "Perverse" probieren Frauenklamotten an. Somit gleicht die Suche in der Frauenabteilung und sei es nur nach einer Damenjacke, einer einzigen Flucht.

Das rasant anwachsende weibliche Inventar verlangt auch nach immer mehr Platz. Jahrzehntelang konnte ich meine paar weiblichen Accessoires in einer Tüte, einem Karton oder einem Koffer unterbringen. Jetzt weiß ich nicht mehr, wo ich das alles verstecken soll. Und will es auch gar nicht mehr verstecken, denn ich brauche die Klamotten täglich und es ist höchst unpraktisch jedes Mal danach suchen zu müssen. So habe ich zuerst meinen Schuhschrank aufgeräumt, die "männlichsten" Treter in die Mülltonne geworfen und zwei Fächer für meine Frauenschuhe frei gemacht. Als nächstes wird mein Kleiderschrank ausgemistet. Es ist ein Doppelschrank mit vier Türen und ich werde die Hälfte der männlichen Klamotten aussortieren müssen, um eine Hälfte für mein neues altes Ich frei zu bekommen. Dann kann ich endlich besser auswählen und die Kleidung ist nicht mehr so furchtbar verknittert. Ich befürchte, dass ich zu Weihnachten von meiner Mutter wieder was zum Anziehen geschenkt bekomme und mich darüber nicht freuen können werde.

Schlimmer noch: Ich befürchte, deswegen in Tränen auszubrechen und das ganze Fest vorzeitig zu versauen. Selbst jetzt treibt mir der Gedanke das Wasser in die Augen.

07.12.2014
Keine Tour mehr "oben ohne"

 

Heute habe ich meine übliche, sonntägliche Radtour gefahren. Ich bin sportlich und werde das nach Möglichkeit auch bleiben. Doch diesmal dabei: 600 g Zusatzgewicht in Körbchengröße C. Die Winterjacke und die vornübergebeugte Haltung auf dem Bike verschleiern die Brüste noch einigermaßen. Und bis es Sommer wird, wird es mir wohl eh' egal sein, ob mich jemand damit sieht oder nicht.

Ab jetzt fahre ich keine Tour mehr oben ohne! Ab wann ich mich in meinem MTB-Verein oute, weiß ich aber noch nicht.

30.11.2014
Du hast doofe Ohren

 

Habe mich heute dazu entschlossen, Anfang 2015, voraussichtlich im März, meine abstehenden Ohren korrigieren zu lassen und habe dazu vor ein paar Tagen ein Beratungsgespräch in einer Düsseldorfer Schönheitsklinik geführt. Die ambulante OP, eigentlich nur zwei Vektor-Nähte, kostet satte 3000 Euro, entspricht also dem Gegenwert einer 3-wöchigen großen Indienrundreise! Nichtsdestotrotz stehen meine Segelohren einem gefälligen weiblicheren Aussehen gewaltig im Weg und die Korrektur wird ein erster Schritt "in die richtige Richtung" sein. Bislang haben mich die Ohren zwar immer schon gestört und ich habe sie sowohl als unschön empfunden, wie auch als Grund für meine Misserfolge bei Frauenbekanntschaften gesehen, allerdings konnte ich als "Mann" damit leben.

Als Frau jedoch muss ich Sorge tragen, alles mir nur mögliche zu tun, um wenigstens etwas näher an das Erscheinungsbild einer Frau heran zu kommen, sonst kann ich sicher davon ausgehen, dass ich gesellschaftlich nicht akzeptiert werde. Aussehen ist heute wichtiger denn je und "Monster in Frauenkleidern" werden gedisst. Das Ziel ist eigentlich nur erreicht, wenn es möglich ist, sein Aussehen soweit zu wandeln und anzupassen, bis man sich zumindest auf den ersten Blick frei als Frau bewegen kann (Stichwort "Passing"). Dabei sind in meinem Fall gewaltige bis unüberwindbare Hindernisse vorhanden und die Ohren sind nur das kleinste davon.

Ich weiß, dass meine Vorstellungen bei den Schönheitsspezialisten jedes Mal Eurozeichen auf den Augen erscheinen lassen werden, denn Transidente sind eine ewige Baustelle und die Ärzte und Scharlatane können sicher sein, dass alles beauftragt wird, was möglich und unmöglich ist, um das Ziel, eine "richtige Frau" zu sein, zu erreichen.

11.2014
Haare, Titten, Arsch

 

Thema Haare:

 

Ganz schwieriges Thema. Einerseits die typische Problematik eines Mannes von 48 Jahren. Oben angehende Mönchsglatze, unten Wucherei. Andererseits der unbedingte Wunsch endlich, endlich lange Haare zu tragen. Diese auf den Schultern zu spüren und zu einem Zopf zu binden. Auch früher gab es schon mal ein oder zwei Anläufe die Haare länger wachsen zu lassen. Diese endeten jedoch spätestens dann, wenn meine Mutter auf "ordentliches Aussehen" pochte und die Schere dazu selbst in die Hand nahm. Ich weiß noch, wie ich es in meiner Kindheit genossen habe, wo sie mir spaßeshalber ein kleines Zöpfchen gebunden hat. Ob lange Haare bei mir tatsächlich aussehen (insbesondere in der ersten Übergangszeit, wenn sie weder kurz noch lang, sondern einfach nur ungepflegt aussehen), das ist zweitrangig geworden. Nur das eine Ziel hat Priorität: Nämlich lange und weiblich dichte Haare zu besitzen. Dazu soll auch die Anwendung der Hormonsalbe und des teuren Haarwuchsmittels Minoxidil (Regain) verhelfen. Leider kann ich das so (bevor ich mich geoutet habe) unmöglich all denjenigen vermitteln, die mich seit langem kennen und mich nun ständig zum Frisör schicken wollen (Mutter, Schwägerin, Arbeitskollegin). Interessanterweise alles Frauen! Vielleicht schauen Frauen einfach nur genauer hin, so dass ihnen Veränderungen im Erscheinungsbild eher auffallen, als Männern.

 

Die Silikon-Brüste (Brust-Prothesen), die ich mir in zwei unterschiedlichen Körbchengrößen bestellt habe, trage ich in jeder privaten Minute. Tag und Nacht. Es ist ein unglaublicher Kampf, wenn ich morgens gezwungen bin, die Brüste zu "amputieren", weil ich sie bei der Arbeit nicht unerkannt tragen kann. Ich tröste mich mit weiblicher Unterbekleidung, trage unter dem Bürohemd Tops oder seamless BHs. Die lackierten Zehennägel sieht auch niemand und ich finde, sie sehen toll aus. Den letzten inneren Kampf gibt es dann, wenn ich mir morgens, bevor ich aus dem Haus gehe, die Schuhe anziehen muss. Im Schrank locken die schönsten Damenschuhe mit Absätzen und ich muss wieder diese unsäglich ordinären, flachen Herrentreter anziehen.

Im Büro sitzt mir meine neue Arbeitskollegin gegenüber. Anfang 20. Lange blonde Haare, die wachsen dürfen, so lang sie wollen. Eigentlich eine graue Maus, fingernägelkauend und das Gegenteil von geschwätzig, was sie trotzdem nicht unattraktiver macht. Trotz der typischen "verschleiernden" Oberbekleidung habe ich schnell analysiert, dass sie einen tollen Körper besitzt, mit knackigem Po, schmaler Taille und Körbchengröße C. Früher wäre sie jeden Versuch wert gewesen, sie für mich zu gewinnen, italienischer Freund und Altersunterschied hin oder her. Heute bin ich irgendwie und eigentlich nur neidisch auf sie, weil sie besitzt, was mir bislang und leider immer noch verwehrt ist und auf das ich stolz wie Oskar wäre, wenn ich es besäße und allen zeigen dürfte. Lange Haare, runde Hüften, eine schmale Taille und Brüste in Größe C.

 

Brüste zu besitzen ist für mich extrem wichtig. Waren es schon immer und werden es immer sein, denn Brüste sind für mich der Inbegriff der Weiblichkeit. Selbst, wenn ich früher keine Damen-Klamotten besaß, ein Paar Luftballons hatte ich immer parat. Heute morgen habe ich geträumt. Es war einer dieser Halbwachträume kurz vor dem Aufstehen. Und es war eine Premiere. Die Brüste hatten mich wohl so sehr beschäftigt, dass ich das erste Mal einen erotischen Traum hatte. Es war ein höchst kurzer Traum, aber ich habe geträumt, ich hätte eigene Brüste und diese würden laktieren. Das war so unfassbar schön, dass ich den Traum gerne ewig weiter geträumt hätte, doch dann klingelte der Wecker…

10.2014
Erste Ganzkörper-Rasur

 

Die Beinbehaarung rasiere ich mir ja schon seit 24 Jahren (siehe unten 1990). Einige "Tests" auch die Schambehaarung zu rasieren empfand ich aber wegen der Stoppeln als eher unangenehm. Das änderte sich jetzt. Mit dem Anspruch, beim Tragen weiblicher Outfits, z.B. ärmellose Tops und Schmuck, auch anderen gefallen zu wollen und nicht nur für sich selbst das "Feeling" zu genießen, während das eigene Aussehen, insbesondere Gesicht / Kopfbereich nicht so wichtig waren, mussten nun auch die entsprechenden Voraussetzungen für ein gefälliges Äußeres geschaffen werden.

Ich rasierte mir also das erste Mal die Hände und Arme blank. Die Brust wurde sowieso schon zweimal täglich rasiert, denn Stoppeln stören bei der gestiegenen Sensibilität dort extrem und stören das Bild der weiblichen Brüste sehr. Blieb noch der Genitalbereich, der nun konsequenterweise auch rasiert wurde.

Weil das Thema Rasur somit einen ziemlichen Aufwand und Zeit in Anspruch nahm und bei Nassrasur natürlich immer die Gefahr von Verletzungen besteht (Nippel, Genitalien, Finger) bin ich I.s Tipp gefolgt und habe mich in einer Schwelmer Schönheitsklinik beraten lassen und mir einen ersten Termin für eine Laserhaarentfernung geben lassen. Sofern möglich, soll dabei allmählich die Gesichts-, Brust-, Rücken-, Finger- und Handrückenbehaarung behandelt werden. Mindestens jedoch die Bartbehaarung.

 

09.2014
Erstes privates Outing, Beginn der Selbstfindung, "Alltagstest"

 

1. privates Outing bei meiner Freundin I.:

 

Nach dem Outing eines Vereinskameraden (Höhlenforschungsverein), den/die ich seit 20 Jahren "kannte", auf der Vereinshauptversammlung des Vorjahres 2013, war ich zunächst einmal sehr verwundert, weil ich nie etwas bemerkt hatte. Allenfalls war mir aufgefallen, dass mein Freund H. (seit ihrem Outing Frau I.) immer sehr verschlossen war, wenn es um seine privaten Angelegenheiten ging und auch stellenweise recht unausgeglichen. Das Outing empfand ich trotz meiner eigenen Situation zunächst also als recht befremdlich und bewunderte eher den Mut, den so ein öffentlicher Auftritt erfordert. Zu dem Zeitpunkt (Anfang 2013) sah ich dieses Outing noch als "Mann, dessen langjähriger Freund sich nun in rasanter Geschwindigkeit in eine Frau verwandelte". Wie sollte ich damit umgehen und konnte ich mich mit ihm, "einer Transe!", weiterhin problemlos in der Öffentlichkeit sehen lassen? Zu dieser Zeit hatte ich mich also noch immer nicht mit meiner eigenen Situation auseinander gesetzt.

Ich hatte bis September 2014 deshalb auch nur 2-3 Mal Kontakt mit I. und musste im Sommer 2014 erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass der Wandel / die Transition eben nicht nur das Outfit und äußere Erscheinungsbild von I. betraf, sondern dass, bedingt durch Hormone und sonstige Maßnahmen, sich auch das ganze Wesen geändert hatte. I. war tatsächlich Frau geworden, sprach und reagierte weiblicher, bekam den schweren Elektrohammer nicht mehr hoch und war vor allen Dingen seelisch wesentlich ausgeglichener und umgänglicher, man darf ruhig sagen, "ein anderer Mensch" geworden.

 

Das war der erste Anstoß, dass ich mir über meine Situation wirklich Gedanken gemacht habe und versucht habe, eine Lösung, nach Möglichkeit natürlich eine sozial normative Lösung zu finden.

Jedoch ich fand sie nicht. Der Drang bzw. Anspruch jederzeit Frau sein zu wollen, nahm stattdessen rapide zu. Und je mehr ich mir darüber klar wurde, dass das eben nicht "normal" ist und dass ich deshalb womöglich auch  "eine Transe" bin, desto verfahrener wurde die Lage. Denn ohne Outing und ohne entsprechende Kontakte, konnte ich mit niemand darüber reden oder Hilfe erwarten. Ich nahm nun seit gut 6 Wochen eine milde Hormonsalbe und fühlte mich so unglaublich glücklich. Ich konnte plötzlich Gefühle und Empfindungen spüren, die ich im Grunde in meiner Wunsch- und Vorstellungswelt immer schon hatte oder haben wollte. Die Empfindlichkeit meiner "Brüste" nahm zu. Ich konnte sie spüren, wenn ich mich im Auto anschnallte. Ich konnte sie spüren, wenn der Fahrtwind ins Fahrradtrikot blies. Obwohl äußerlich praktisch keine Veränderung zu sehen war, lediglich die Nippel vergrößerten sich minimal, fühlte ich zum ersten Mal meine eigenen Brüste und erlebte plötzlich vermehrt intensive Gefühlsausbrüche, wie ich sie nur aus meiner Technozeit kannte. Bestimmte Szenen in Filmen (Beispiel: Ich einfach unverbesserlich: Die abendliche Vorleseszene mit den Kindern und viele Bollywood-Szenen) oder auch einfach nur das Hören von Musik (z.B. indische Ragas) konnten mir das Herz zerreißen und mich hemmungslos heulen lassen, kurzzeitig so voller Trauer und Empathie, dass dies in der Heftigkeit dem Moment nach dem Tode meines Vaters sehr nahe kam. Solche Gefühlsausbrüche kannte ich schon seit Jahren nicht mehr und ich habe es geradezu genossen und wirklich auch ausgelebt, als die Tränen aus meinen Augen schossen. Danach fühlte ich mich befreit und glücklich.

 

Mein "Problem" jedoch wurde dadurch aber nicht gelöst. Ich musste mich endlich jemand mitteilen und dies konnte niemand aus meiner Familie sein. Ich beschloss endlich, I. zu kontaktieren und überlegte mir eine Story von einem "Bekannten mit meinen Problemen", die ich ihr auftischen wollte, bis ich mir sicher war, dass sie mit meinem Outing auch vertrauensvoll umgehen würde. Ich war bei meinem Besuch sicher aufgeregter, wie bei meinem ersten beruflichen Vorstellungsgespräch.

Rückblickend auf dieses Gespräch kann ich heute behaupten, dass es gut und hilfreich war und ich bin I. zu tiefstem Dank verpflichtet, was Ihre Loyalität und uneigennützige Hilfsbereitschaft angeht. Da sie als anerkannte Transidente den Weg der Umwandlung schon ein ganz wesentliches Stück weiter gegangen war, konnte und kann sie mir auch wirklich hilfreiche Tipps und Antworten geben.

 

 

Beginn der Selbstfindung:

 

Zu Beginn dieser Phase der Selbstfindung habe ich noch nach einer Antwort auf die Frage "Bin ich Transvestit oder transident gesucht? Oder bin ich nur etwas von jeder dieser transsexuellen Ausprägungen und die ganze Geschichte entwickelt sich gerade erst in Richtung Transidentität?" Diese Frage war so aber schon nicht richtig gestellt und sorgte schnell für einige Verwirrung unter denjenigen, die sich mit diesen Begriffen bestens auskannten und als transident definierten.

Dabei ist die Erklärung einfach:

Bedingt dadurch, dass ich nie gezwungen war, mich zu outen, z.B. infolge einer ungewollten Konfrontation, gab es auch keinen Grund mich auch nur ansatzweise mit meiner Situation und dem, was ich da tat auseinander zu setzen. Es gab keine Probleme. Durch die perfekte Verheimlichung und wenig enge soziale Kontakte weder mit Anderen, noch und schon gar nicht mit mir selbst.  Somit gab es auch keine Selbsterkenntnis.

 

Das Prinzip würde ich so beschreiben: Konfrontation durch Entdeckung führt für transsexuelle Menschen zu Problemen mit ihrer sozialen Umwelt. Erst dadurch wird die Selbsterkenntnis "Ich bin anders. Ich bin trans*." eingeleitet. Das bloße Spielen eines "Jungen" mit einer Puppe wird für diesen selbst nie ein Problem darstellen. Erst das Verbot mit der Puppe spielen zu dürfen, sorgt für Probleme und wird damit zum Auslöser für den Shift, weil sich der "Junge" nun die Frage stellt, warum ihm dieses Verbot auferlegt wurde, obwohl es sich für ihn doch richtig anfühlt, wenn er mit der Puppe spielt. Er gewinnt durch solche Konfrontationen dann schnell die Selbsterkenntnis, dass er trans* ist und definiert sich fortan auch so.

 

Zunächst fehlte es mir natürlich an den gesicherten Definitionen dieser Begriffe, da ich mich noch nie damit auseinander gesetzt hatte. Auch hatte ich das Gefühl, dass ich nach einem jahrzehntelangem Gang durch die Ebene, gerade erst eine recht hohe Stufe meiner transsexuellen Entwicklung erklommen hatte. Ich vertraue I. und den anderen transidenten Mädels aus der Selbsthilfe Lili Marlene in Dortmund, wenn diese alle unisono sagen, dass diese Entwicklung auch wenn ich es wünschte, nicht mehr umkehrbar ist.

Diese Erkenntnis ist aktuell für mich sehr, sehr schlimm, denn ich muss mich dadurch von der Hoffnung auf "Heilung" und der Rückkehr in mein früheres Leben verabschieden. Noch klammere ich mich an den dürren Strohhalm, "irgendwie" auch weiterhin unerkannt als "normaler Mann" meinem (Berufs-)Leben nachgehen zu können, lediglich in meiner privaten Freizeit Frau zu sein und forciere doch gleichzeitig mit der Hormonanwendung, der Unfähigkeit, mich auch nur von einem Millimeter meiner Haare zu trennen und der exponentiell zunehmenden Tragedauer weiblicher Outfits und Brustprothesen, ein unfreiwilliges? Zwangsouting, weil es einfach irgendwann irgendwem auffallen muss. Und dann klar sein wird, dass ich, der Herr Kumbruch, der "Dokumann" eine Frau sein will, eine Frau namens Ishana IST. Sicher wäre es besser, dieses Outing selbst zu organisieren und zu initiieren, aber wenn ich so weiter mache, zwinge ich mich praktisch selbst dazu.

 

Ich besuche nun regelmäßig 1-2 Mal pro Woche die Selbsthilfeorganisation "Lili Marlene" in Dortmund. Diese führt einen Treff / ein Lokal im Stadtteil Hörde. Das Lokal ist privat, so dass man sich dort bewegen und geben kann, wie man es von zu Hause aus gewohnt ist. Selbst eine Umkleidemöglichkeit gibt es, so dass man nicht gezwungen ist, sich schon ab zu Hause in weiblichem Outfit zu bewegen. Trotzdem tue ich das, sofern es irgendwie geht, nur zu gerne. Ich genieße es, wenn ich die 200 Meter vom Parkplatz zur Lili als Frau gehen kann. Ich genieße es, wenn ich mich schminken kann und sehe tatsächlich ein glückliches Gesicht im Spiegel, dass so verändert und so viel schöner wirkt. Der Tag, wo mich meine Mieter und Nachbarn so sehen, wird gewiss kommen.

 

 

Kinobesuch / Beginn des sog. "Alltagstestes":

 

Die Lili Marlene-Selbsthilfe organisiert auch gemeinsame Unternehmungen, wie Kino, Shopping, Besuche von Veranstaltungen, Parks, Museen, Restaurants oder den CSD. Diese sind enorm wichtig für Transgender, die etwa da stehen, wo ich mich momentan befinde. Nämlich am Anfang und ohne jede Erfahrung im Auftreten und im Umgang mit der Öffentlichkeit. Normalerweise auch ohne jegliches Selbstvertrauen. Das macht es "Anfänger(inne)n" ja so unendlich schwer, sich einfach solo diesen Herausforderungen zu stellen, wenn man sich selbst nicht darüber klar ist, wie man in seinem neuen Outfit/Aussehen auf andere wirkt und wie man im Falle eines Falles zu reagieren oder einfach cool zu bleiben hat. Der sogenannte "Alltagstest" (gesetzlich nicht mehr verpflichtend vorgeschrieben) ist in diesem Sinne ein ziemliches Horrorszenario, wenn man da von jetzt auf gleich alleine ins kalte Wasser der Öffentlichkeit gestoßen wird. Gemeinsame Unternehmungen sind da die beste und vielleicht einzige Möglichkeit die erforderliche Selbstsicherheit aus dem Gruppenzusammenhalt zu gewinnen, sich das richtige Verhalten von den Anderen abzugucken und gleichzeitig an die Reaktionen und das gesteigerte Interesse der "Normalos" zu gewöhnen. Die "Auftritte" in der Lili und selbst die kurzen Fußwege im Outfit dorthin können das so nicht leisten. Denn die Lili ist ein privater Bereich und somit trotz der vielen Leute nicht öffentlich. Außerdem wird praktisch keine(r), der/die sich in der Lili aufhält, negativ reagieren, da im Grunde jede(r) das grundsätzlich gleiche Problem und Verständnis mitbringt.

Deshalb begrüße ich diese gemeinsamen Unternehmungen, weil mir diese die Chance bieten, mich an meine neue Rolle zu gewöhnen und Erfahrungen mit Verständnislosen zu sammeln. Erst, wenn ich mich genügend daran gewöhnt habe und die erforderliche Selbstsicherheit gewonnen habe, kann ich über Solo-Unternehmungen nachdenken, so wie ich sie bislang als Single praktiziert habe.

 

Vermutlich werden solche gemeinsame Unternehmungen für Transidente, die in ihrer Rolle schon "gefestigt" sind, weniger reizvoll sein. Es sei denn, sie fühlen sich immer noch nicht selbstsicher genug oder möchten sich einfach nur in den Schutz der Gruppe begeben, um sich ungestörter bewegen zu können.

 

Fazit: Gemeinsame Unternehmungen sind in Ergänzung zum Angebot der Lili-Selbsthilfe / -beratung enorm wichtig, weil sie vor allem Trans*-Beginnern im Umgang mit der Öffentlichkeit Sicherheit und Hilfe bieten.

In diesem Zusammenhang haben wir (7 transidente Frauen), Anfang November 2014 das Kino in Dortmund besucht. Ich habe mich begeistert angeschlossen und auch ein weibliches Outfit inklusive Brustattrappen getragen. Trotz der "interessierten Öffentlichkeit" war dieser Besuch ein sehr positives Erlebnis, denn wir konnten uns frei bewegen, ohne böse angemacht zu werden.

Ich hatte das Auto in der Tiefgarage des Kinos abgestellt und I., die mit mir gefahren war, wies mich nach der Vorstellung darauf hin, dass ich auf einem Frauenparkplatz! gestanden hätte. Ich hatte das beim Einparken gar nicht registriert und war nicht nur überrascht, sondern irgendwie von einem ganz besonderen Stolz erfüllt, der diesem schönen Abend ein Sahnehäubchen aufsetzte. Ich hatte hier das erste Mal ein weibliches Privileg in Anspruch genommen und das schon fast legal.

14.08.2014
Ich nehme Hormone

 

Im August 2014 bestelle ich mir zum ersten Mal online eine Estradiol-Salbe*.

 

Warum und wieso? Keine Ahnung. Ich habe es einfach gemacht und das Zeug bestellt, sobald ich es entdeckt hatte. Ich denke, der psychische Druck hatte so sehr zugenommen, dass ich alle rationalen Bedenken hinten anstellte. Und natürlich stand dabei der Wunsch nach eigenen echten Brüsten im Vordergrund. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Lieferung kam problemlos und ich habe in zwei Folgebestellungen fast einen Jahresvorrat gekauft. Das alles VOR jeder ärztlichen Beratung und Untersuchung.

 

Ich habe dabei auch gezielt nach anderen Quellen gesucht und ebenfalls nach Testosteronhemmern (Androcur, Pille / Diane…). Aufgrund der Verschreibungspflicht in der EG sind diese jedoch nur zu überteuerten Preisen über das außereuropäische Ausland zu beziehen und würden wahrscheinlich vom Zoll kassiert. Hätte ich sie ohne weiteres beziehen können, so hätte ich auch diese sofort angewendet. Seit diesem Zeitpunkt trage ich täglich zweimal ca. 1g der Estradiol-Salbe vorwiegend auf die Brustpartie auf, was auch der Anfangsdosis (2mg/d) einer Hormontherapie entspricht. Aus Sorge um evtl. Nebenwirkungen (Thrombosegefahr, Schlaganfall), habe ich mich dann aber bei meinem Hausarzt als "Transgender" geoutet und um eine Überweisung zu einem Endokrinologen gebeten.

Die gleichsam ausgestellte Überweisung zur Psychologie habe ich hingegen nur mitgenommen, weil mir gesagt wurde, das sei "der richtige Weg". Ich hielt eine Psychotherapie eigentlich nicht für erforderlich. Ich habe das meinem Hausarzt auch so gesagt: "Was soll ich da? Mir geht es gut. Und jetzt, wo ich mich oute und mein Frau-Sein endlich auszuleben beginne, doch eigentlich sogar besser als die ganzen Jahre zuvor.

Habe mich dann aber doch um einen Termin bei einer auf Transidente spezialisierten Psychotherapeutin bemüht und musste lernen, dass es mindestens 6 Monate dauert, bis man da überhaupt auf dem Sofa Platz nehmen darf. Armes Deutschland!

 

* Anmerkung: Ich habe später gelernt, dass man zwischen Estradiol und Estriol unterscheiden muss. Die Wirkung von Estradiol im Vergleich zu Estriol ist gering, wenn nicht (im Rahmen einer echten Hormon-Therapie) auch Testosteron-Hemmer eingenommen werden. Wer also hier gehofft hat, dass es genügt, sich einige Packungen dieser Salbe auf die Nippel zu schmieren und schon wachsen die Brüste... Nee, so einfach funktioniert das nicht.

Anfang 2012 - 07.2014
Etwas hat sich verändert - Der psychische Druck nimmt zu

 

Ich weiß nicht warum, aber etwas hat sich verändert. Etwa 34 Jahre sind seit dem Erwachen meiner Sexualität vergangen und all diese Jahre habe ich, wann immer es möglich war, "transsexuell praktiziert", ohne mir überhaupt bewusst gemacht zu haben, was ich da mache. Ich war ja auch immer alleine, kam mit mir selbst sehr gut klar, keiner zwang mich über das "Problem" nachzudenken und ich hatte auch ansonsten kein Problem damit, meinen Freunden und Bekannten als Mann gegenüberzutreten.

 

Es gab de facto keine Selbsterkenntnis, in der ich mich als transsexuell wahr genommen hätte.

 

Nun plötzlich schien sich das aber alles zu ändern. Ich schiebe es auf das Alter. Ich bin Ende 40 und vielleicht ist es der nachlassende Testosteronspiegel, der dafür verantwortlich ist. Jedenfalls hat der Drang mich weiblich zu kleiden, so enorm zugenommen, dass ich bereit bin, mich so in die Öffentlichkeit zu begeben! Verdeckt zwar noch und mit einem furchtbar flauen Gefühl im Magen, aber ich liebe es, mit hohen Schuhen und weiblicher Wäsche um den Block oder durch den Park zu laufen. Und dabei geht es komischerweise nicht mehr um den bislang allgegenwärtigen Sex. Nein, es ist der Drang sich endlich wirklich komplett als Frau fühlen zu können. Und so endet das Cross-Dressing nicht mehr wie früher, sondern dehnt sich auf 24 Stunden täglich und 7 Tage die Woche aus. Und ich werde mir dadurch das erste Mal wirklich bewusst, dass ich transsexuell war und bin.

 

Wäre ich ein "Transvestit", so hätte ich wohl bis an mein Lebensende unerkannt weiter leben können und hätte nie eine Veranlassung gesehen, mich zu outen. Ich hätte nach Feierabend zu Hause, an den Wochenenden oder im Urlaub Frauenklamotten getragen und meinen Spaß damit gehabt. Aber mit "transidenten Ansprüchen" ist das eine ganz andere Nummer, denn dann fühlt man sich wirklich als Frau und das 24/7. Jeder Zwang, der einen dann in die alte männliche Rolle zwingt, wird als  unerträglich empfunden.

 

Aus dieser Zeit habe ich die folgenden Begebenheiten aufgeschrieben:

Bedingt durch die Anonymität des Internets und die Möglichkeit in Shops und bei ebay bestellen zu können ohne sich erklären zu müssen, nimmt der Konsum weiblicher Bekleidungsstücke und Schuhe zu. Wo ich früher noch selbst gebastelt und genäht habe, kaufe ich mehr und mehr weibliche Artikel online. Ein paar Mal entsorge ich den stets gut versteckten Kram "aus Sicherheits- und Vernunftgründen". Das hält aber nicht lange vor und bald habe ich wieder ein paar Schuhe gekauft oder schaue mir zumindest stundenlang die Damenbekleidung in den Shops an. Meist fehlt noch die Erfahrung, welche Größen passen und der Mut etwas zu erwerben.

Bei der Selbstbefriedigung nimmt die Manipulation meiner Brustwarzen immer mehr zu. Diese gehört zwar schon länger zum Erregungs-Procedere, nahm nun aber eine entschiedene Regelmäßigkeit ein. Ich war mir dabei bewusst, dass die Nippel erogene Zonen sind, nahm es aber zunächst eher etwas verwundert auf, dass die Berührung der Nippel mich so stark erregen konnte.

Der Anspruch, mich weiblich zu kleiden, verlässt den privaten Bereich und ich traue mich tatsächlich in die Öffentlichkeit. Zuerst nur sehr versteckt und bei Dunkelheit oder weit weg von zu Hause, trage ich jetzt hohe Schuhe, Corsage und Brustprothesen, teste diese weiblichen Attribute und Accessoires draußen, laufe steile Straßen mit High-Heels, probiere aus und stelle mir vor, wie toll es wäre, diese zu tragen, wann immer ich wollte. Oder wenigstens könnte, denn schnell fallen mir bei diesen Unternehmungen "die Füße ab". Gewissensbisse plagen mich und ich zittere vor Angst, denn wenn ich erwischt werden sollte, dann hat man einen weiteren "Perversen" gefangen.

 

Ernährungsumstellung und Bauch-weg-Training:

Absolut schlimm waren und sind für mich die typisch männlichen Alterserscheinungen, also eine trotz intensiv betriebenem Rad- und Lauftraining kontinuierliche Gewichtszunahme, die sich in erster Linie oder fast ausschließlich in einem zunehmend dickeren Bauch manifestierte sowie der testosteronbedingte (erbliche) Haarausfall. "Schön" war ich nie, aber wenigstens fit. Jetzt mit Ende 40 aber zeigte mir der Spiegel ein Bild, dass ich so nicht sehen wollte und das mit meinem Anspruch auf einen fitten und, was wäre das schön, weiblichen Körper so gar nichts mehr gemein hatte.

Nach einigen Diäten, die mal mehr und mal weniger gewirkt hatten, nahm ich nun eine grundsätzliche Ernährungsumstellung vor, die alles berücksichtigte, was mir auf dem Weg zum Frausein auch nur irgendwie helfen konnte:

1. Reduzierung der allgemeinen Kalorienaufnahme

2. Vermehrt Umstellung auf Soja-Produkte

3. Ergänzungsstoffe (Biotin, Pueraria Mirifica, Vitamin B12, Soja-Isoflavin-Kapseln, Omega3-Kapseln, Kohlehydrat-Blocker, Hopfenblütentee, Lakritz, Rotklee-Tee…)

 

Zusätzlich schaffte ich eine Bauchtrainingsbank an und nutzte meine Tens-Geräte für ein intensives und gezieltes Bauchmuskeltraining. Straff gespannte Neoprengürtel sorgten dabei für die nötige Fettweg-Wärme. Das half tatsächlich und ich schaffte es auf diese Weise tatsächlich mein Gesamtgewicht um fast 6 Kilogramm (86-80 kg) zu reduzieren. Lediglich die sonntäglichen Besuche bei meiner Mutter waren immer anstrengend, denn die dazugehörige, gutgemeinte Verköstigung war zwar sehr lecker, passte aber leider gar nicht zu der strengen Zurückhaltung, die ich mir selbst auferlegt hatte. So gab es leider fast jedes Mal Diskussionen über die Essensmenge auf meinem Teller.

 

Bestellung von Damenschuhen für den alltäglichen Gebrauch:

Beim Stöbern im Internet stieß ich auf spezielle Damen-Sneaker, die einen versteckten Keilabsatz besaßen: "WMS Nike Air Revolution Sky Hi". Diese besaßen einen 6,5 cm hohen internen Keilabsatz und sahen fast aus, wie normale hohe Basketball-Schuhe. Trotz der hohen Kosten von 140 Euro/Paar bestellte ich mir gleich zwei Paar davon und machte meine ersten Spaziergänge mit "hohen" Schuhen in der Öffentlichkeit. Zunächst nur abends und in leeren Parks. Dann mit zunehmender Selbstsicherheit, weil die Schuhe tatsächlich nicht auffallen, auch beim Einkaufen und zuletzt sogar beim gemeinsamen Freizeitbogenschießen im Freundeskreis. Beim Shoppen in Dortmund musste ich über eine Jugendliche lächeln, die ebenfalls in Keilsneakers mit etwa gleich hohen Absätzen über den Westenhellweg eierte, während ich mit dieser Absatzhöhe durch jahrelanges High-Heel-Training überhaupt keine Probleme hatte.

ab 03.2009
Bollywood

 

Ich habe Bollywood-Filme für mich entdeckt. "Bollywood macht glücklich". Der Werbespruch eines DVD-Händlers trifft auf mich tatsächlich auch zu. Ich verliere mich in den indischen Schmonzetten und fange gelegentlich sogar an zu schniefen, wenn mich das rührselige Zeug zu sehr mitnimmt. Aktuell bin ich schon im Besitz von 24 Bollywood-DVDs.

ab 2007

Änderung des Medienkonsums

 

Vorher bevorzugt Technomusik sowie Aktion-, Abenteuer-, ScienceFiction-Filme

 

Nun vermehrt Kinder- und Jugendfilme, rührselige Animes (Studio Ghibli),

z.B. "Der Fuchs und das Mädchen", "Der Schatz der weißen Falken", "Das Schloss im Himmel"

Musik: Filmmusik, Zweiraumwohnung, Suga Babes, Destinis Child, Klassische Indische Musik (Ragas)

 

10.1986 - Anfang 2012
Mein Leben als "Mann"

 

Wie kann es sein, dass ich so lange als Mann gelebt habe und mir während dieser Zeit nicht bewusst war, dass ich transsexuell bzw. transident war?

Das ist die zentrale Frage, die mir später gestellt wurde und die ich mir auch selbst stellen musste, um verstehen zu können, was da mit mir passierte. Die nachfolgenden Beiträge versuchen diese Frage zu klären.

 

Zusammenfassend zur Zeit 10.1986 bis Anfang 2012 kann man folgendes sagen:

 

Selbstbefriedigung wird für mich zur Regel und häufig dient sie auch als Ausgleich bei Problemen. Das Verlangen nach sexueller Befriedigung durch eine Frau wird dadurch stets auf Level Null gehalten. Ein Psychologe hatte dafür später auch einen Fachbegriff: Autosexuell. Hat mit Autos nichts zu tun, sondern heißt nur ganz profan: Ich hatte Spaß nur mit mir selbst und mit sonst keinem. Hinzu kommt, dass meine unauffällige Art, der schlaksige Wuchs mit 1,86m Größe bei anfangs nur 71 Kg, die abstehenden Ohren, die Brille und nicht zuletzt die entschiedene Ablehnung jedes machohaften Werbeverhaltens natürlich Wirkung zeigten und mich in Folge kein Mädchen auch nur eines halbwegs interessierten Blickes würdigte. Ich hingegen hielt das zickige Gehabe und Gekicher der Mädchen, ihre Abwehr meiner seltenen Annäherungsversuche für unreif und pubertär und war der Überzeugung, dass eine gute Beziehung auf Ehrlichkeit, Offenheit, Respekt und Gleichberechtigung im Umgang der Geschlechter miteinander gründen muss. Wie man sich täuschen kann.

 

Heute weiß ich, dass dieses Werbungsverhalten Voraussetzung für die Partnerschaftsbildung ist und ich mich mit meiner ablehnenden "vernünftigen und erwachsenen" Haltung aus diesem Prozess praktisch selbst ausgeschlossen habe. Es ist aber auch durchaus möglich, dass mein Verhältnis zu Frauen auch damals schon durch meine Transsexualität belastet war. Dass die von mir propagierte adulte Vernunft und die Ablehnung pubertärer Liebeserfahrungen letzten Endes nur Folge und Ausdruck meiner bereits ausgelebten Transsexualität war.

Was sollte ich mich auch um Mädchen bemühen, wenn ich mir selbst Frau genug war?

 

So bleibe ich Single, schlimmer noch "Jungfrau". Ich habe nie mit einer Frau geschlafen. Die drei bis vier Versuche in meinem Leben eine Partnerin zu finden, sind mehr oder weniger schnell gescheitert. Es gab ja nie ein entsprechendes Interesse bei den Frauen. Ich führe das heute auf die fehlende Chemie, vor allem den bei mir vollkommen abwesenden Machismos zurück, der ein doch recht wichtiges Instrument der männlichen Partnerwerbung ist. Ich verabscheue seit jeher das typisch männliche, testosteron-geladene Werben, das Aufblähen und Gockeln bei Anwesenheit von Frauen. Das Ausfahren der Ellenbogen gegenüber allen möglichen männlichen Konkurrenten.

 

Beim Sex waren grundsätzlich, man darf schon sagen, ohne Ausnahme weibliche Phantasien im Spiel. Weibliche Bekleidung benötigte ich dazu eigentlich nicht und besaß sie früher auch nicht, weil man diese damals noch nicht so einfach online erwerben konnte. Meist genügten mir zwei wassergefüllte Luftballons, die mir noch am ehesten das Gefühl weiblicher Brüste vermittelten. Eine aktive, männliche Rolle beim Sex übte auf mich keinen Reiz aus. Die Phantasien gestalteten sich häufig so, dass ich mich in einer passiven / devoten oder sogar gänzlich hilflosen weiblichen Rolle sehe. Es gibt keine Rollenbestandteile, in denen ich mich aktiv selbst beteilige. Unzählige Male habe ich einen Schritt-für-Schritt-Umbau meines Körpers vom jetzigen männlichen in einen weiblichen Körper in allen Details durchdacht. Wieder und immer wieder habe ich geistig die körperliche Wandlung in einen schönen, in einen idealen oder in einen super-weiblichen Körper vollzogen. Dabei nicht nur äußerliche, sondern sogar hormonelle Änderungen und deren körperliche, wie mentale Folgen berücksichtigt. Diese Phantasien sind von zentraler Wichtigkeit und bis heute aktuell.

 

Im Laufe der Zeit sind dabei die (auto-)sexuellen Praktiken immer extremer geworden. Zur Vorstellung, einen weiblichen Körper zu besitzen, passte mein männliches Geschlechtsteil natürlich nicht. Das verschaffte mir zwar Lust und den finalen Orgasmus, war aber ansonsten einfach nur falsch und störend, weil es z.B. Röcke so verunstaltete.

Zu diesen Praktiken möchte ich hier lieber nicht ausführlich werden. Masochistisch, ungesund, gefährlich, selbstzerstörerisch wären passende Adjektive. Folge waren u.a. mehrere Harnwegentzündungen. Die Spermaqualität ging gleichfalls über den Jordan und ich vermute, dass ich seitdem nicht mehr sonderlich zeugungsfähig war.

Und ja, das war mir tatsächlich vollkommen egal!

seit 11.1998
Beruf: Technische Dokumentation

 

Beschäftigung als Leiter/in der technischen Dokumentation bei einem Maschinenbau-Unternehmen aus der Kabelfertigungstechnik in Sprockhövel. Ich arbeite dort in eigenverantwortlicher Position, bin dokumentationsbevollmächtigt, Ansprechpartner/in für Fragen zu Sicherheit und Risikobeurteilung.

 

Die nachfolgenden Beiträge verlassen nun allmählich die knappe Form eines Lebenslaufs und werden zum Tagebuch. Die Einträge erfolgen alsbald in loser Eintragsfolge. Ich habe das Tagebuch bereits kurz nach meinem ersten privaten Outing begonnen und konnte mir damit auch einiges von der Seele schreiben. Das Tagebuch hat mir sehr geholfen, mir selbst über meine Position und meinen Wandel klar zu werden. Heute nutze ich es, um meine Erfahrungen und Erlebnisse als Trans*Frau zu teilen und meinen Wandel zu dokumentieren.

10.1993 - 10.1998
Alles sicher

 

Zusatzstudium der Sicherheitstechnik an der BUGH Wuppertal (ohne Abschluss)

 

Das Zusatzstudium habe ich angefangen, weil ich trotz aller Bemühungen nach dem Abschluss der FH keinen Job gefunden hatte. Es war gerade wirtschaftlich flau und folglich herrschte ein Überangebot an jungen Ingenieuren. Auch ein weiteres Fachpraktikum bei der Berufsfeuerwehr Hagen gehörte dazu.

 

Nach weiteren Jahren war ich zwar fast fertig mit dem Zusatzstudium, hatte aber leider auch jede Lust am Studieren verloren. So habe ich das Zusatzstudium (ohne Wissen meiner Eltern) bewusst in den Sand gesetzt, habe die letzten beiden Klausuren verhauen, bin lieber alleine auf diverse Techno-Partys gegangen und bin letzten Endes zwangsexmatrikuliert worden. Es war mir fast egal. Denn glücklicherweise habe ich es zu diesem Zeitpunkt endlich geschafft, einen Job zu finden. Diesen übe ich, wenngleich ich dort nicht wirklich adäquat verdiene, bis heute aus.

ca. 1990
Rasierte Beine

 

Beitritt als Gründungsmitglied zum MTB-Club "Zee Aylienz MTB-Hagen", einem Haufen "durchgeknallter Mountain-Biker". Diese fuhren auch sportliche Rennen und einige hatte Erfahrungen aus der Rennradszene. Dort gehörte es zum guten Ton, sich die Beine zu rasieren, was bei Profis eigentlich den Sinn hatte, die Massagen nach den Rennen angenehmer zu gestalten.

Einige der Aylienz, die was auf sich hielten, übernahmen diese Marotte und ich hielt dabei nur zu gerne mit. Anfangs nur im Sommer, nach ein paar Jahren dann ganzjährig, wurden die Beine nun wöchentlich einmal rasiert. Die glatten, trainierten und vor allem femininen Beine sahen nicht nur schöner aus, sie boten auch eine viel größere Sensibilität und das Beste war: Lästige Fragen nach dem Warum konnten mit dem Argument "Ich bin Radsportler" schnell beantwortet werden. Man muss bedenken, dass die Körperrasur damals noch lange nicht so üblich und akzeptiert war, wie heute.

 

Ich rasiere mir die Beine seit dem bis heute regelmäßig. Der Radsport war und ist für mich immer ein sicheres Ventil gewesen, Frust und Unausgeglichenheit abzubauen. Ich wäre sehr gerne in den Leistungssport eingestiegen, musste mir jedoch aus ärztlicher Sicht raten lassen, das nicht zu tun, weil ich einen angeborenen Kniescheibenhochstand besitze, der bei extremen Belastungen zu Arthrose führt.

So habe ich infolge einige Jahre als Alternativsportart intensiv Inline-Skating betrieben und einige Fun-/Half-Pipes und Treppen durch meine Anwesenheit unsicher gemacht.

10.1986 - 01.1993
Studium

 

Zu dieser Zeit studierte ich Maschinenbau der Fachrichtung Fertigungstechnik Metall an der FH Hagen, später umbenannt in Märkische Fachhochschule in Iserlohn, und machte nach unwesentlicher Überschreitung der Regelstudienzeit um das Doppelte auch tatsächlich endlich meinen Abschluss als Diplom-Ingenieur (FH). Aufgrund meiner schulischen Vorbildung verbunden mit meiner ausgebildeten Abneigung gegen alles mathematische war das kein leichtes Unterfangen, aber ich habe mich durchgebissen.

 

Zwischenzeitlich machte ich die vorgeschriebenen Praktika und eine ganze Reihe von Nebenjobs mit dem einzigen Ziel, mir nebenbei etwas Geld zu verdienen. Eine berufs- bzw. karriereorientierte Auswahl der Nebenjobs gab es nicht.

 

Mit dem Studium wuchs der Anspruch meiner Eltern an mein Erscheinungsbild. Als angehender Ingenieur gehörte es sich doch, die jugendlichen Schlabberklamotten (Jeans + T-Shirt) gegen eine elegantere, angemessene (männliche) Kleidung zu tauschen. Sprich Anzug und Krawatte. Mindestens aber doch ein ordentliches Jacket. Wie ich diese Klamotten hasste. Natürlich musste ich zulassen, dass man mir ein paar Sachen kaufte, aber freiwillig anziehen? So habe ich bis heute lediglich zu unvermeidlichen Anlässen (Beerdigungen, Bewerbungsgespräche, 70ter Geburtstag meiner Mutter) diese Art der Garderobe getragen. Aufgrund der dort herrschenden Bekleidungsvorschriften habe auch nie das Theater oder das Spielcasino besucht. Jacket- oder Krawattenzwang haben mich wirkungsvoll abgeschreckt. Diese Antipathie gab es also schon sehr lang, aber ich war mir nicht bewusst, dass es sich dabei evt. auch um eine Abwehr gegen männliche Bekleidung gehandelt hat. Genauso wenig, wie ich mir früher meiner Transidentität bewusst war.

10.1985 - 10.1986
Bundeswehr

 

Meine Wehrdienstzeit bei einem Pionierbatallion in Holzminden an der Weser war eine schwere Zeit, da die Kompanie hauptsächlich aus einfachen Arbeitern, Arbeitslosen, und vielen vorbestraften Altbiersäufern aus Düsseldorf bestand und nur fünf Abiturienten darunter waren. Eigentlich wollte ich gerne zur Luftwaffe, denn ich hatte während der Schulzeit meinen Segelflugschein gemacht. Wenn schon nicht als Pilot (ich trug seit der vierten Klasse eine Brille, die das verhinderte), dann doch wenigstens als Bodenpersonal, aber die Wehrzuteilungsstelle war da ganz anderer Meinung.

 

Die Selbstbefriedigung wurde für mich damals zum Ventil für Probleme, die ich selbst nicht in den Griff bekommen konnte. Die Exknastis gehen abends auch schon mal in den lokalen Puff und prahlen am nächsten Tag mit mir unbekannten Taten, wie Oralsex oder einem "Tittenfick". Ich fühle mich in deren Gesellschaft aber nicht wohl und lehne die Angebote ab, mitzugehen. Abends gehe ich lieber alleine im nahen Solling joggen oder belege Weiterbildungskurse der BFG. Immerhin: Ich lerne Autogen-Schweißen, Maschinenbearbeitung und Motorboot fahren.

 

Kurz nach der Wehrdienstzeit besuchte ich einen Kameraden aus der Kompanie an seinem Arbeitsplatz. Dieser arbeitete als Verkäufer bei Horten in Gevelsberg und ich traf ihn in der Damenabteilung an. Wir unterhielten uns eine Weile über die Wehrdienstzeit und standen dabei an einem Auslagetisch für kurze Jeansröcke. Ich muss wohl doch zu sehnsüchtig auf die Röcke geschielt haben, denn zum Ende des Gespräches fragte er spaßeshalber, ob ich nicht einen der Röcke kaufen wolle. Ertappt und erschrocken wehrte ich ab und ergriff die Flucht, obwohl ich ihn dafür eigentlich hätte umarmen sollen. Danach war mir elend zumute, weil ich so gegen meinen eigentlichen Wunsch gehandelt hatte.

08.1976 - 05.1985
Schulzeit Fichte-Gymnasium Hagen

 

Ich bin ein unauffälliger und sehr ruhiger Schüler, der sich nur wenig mündlich beteiligt, aber auch nicht stört und am ehesten in künstlerischen und naturwissenschaftlichen Fächern gute Leistungen zeigt.

Ich hatte zu der Zeit ein eigenes Zimmer von der Wohnung meiner Familie getrennt. Dort habe ich zu Beginn meiner Pubertät (mit ca. 12 Jahren) meine erste sexuelle Erfahrung gemacht. Ich weiß noch, wie erstaunt ich über das neue intensive Gefühl war. Damals gab es auch Sexualkunde im Rahmen des Biologieunterrichtes, aber Transsexualität war da kein Thema. Eine echte "Aufklärung" durch meine Eltern hat es nicht gegeben, lediglich das Angebot, eventuelle Fragen zu beantworten. Ich hatte keine Fragen.

 

Meine transsexuellen Neigungen zeigten sich ebenfalls zu dieser Zeit. Ich habe die Kleidung meiner Mutter damals zunächst sicher aus reiner Neugier anprobiert. Jedoch zeigte sich schnell, dass mir nur diese gefiel und ich sie am liebsten gar nicht mehr ausgezogen hätte. Jedoch war die Angst entdeckt zu werden unglaublich groß und ich habe immer alles penibel und mit einem unguten Gefühl wieder an seinen Platz zurück gelegt.

Ich bin nicht unsportlich, habe aber im Sportunterricht Probleme mit rauen Mannschaftssportarten, insbesondere Fußball und Handball, die naturgemäß von den rabiateren Jungs der Klasse dominiert wurden. Bis heute habe ich kein Interesse an diesen Sportarten und habe mich in der Schule davon losgesagt, sobald es nur möglich war. Statt draußen Fußball zu bolzen, habe ich den Sportlehrer gebeten mich lieber den Mädchen anschließen zu dürfen und mit diesen in der Turnhalle Völker- oder Volleyball gespielt oder geturnt. Das Miteinander habe ich als sehr viel angenehmer empfunden und habe die Kommentare der anderen Jungs dafür auch hingenommen.

 

Eine unliebsame Begegnung auf dem Schulweg gab Anlass, sich mit meiner Rolle als "Junge bzw. Mann" auseinander zu setzen. Zwei etwas ältere Jungs provozierten mich auf dem Schulweg derart, dass mir die Tränen kamen, während ich Ihnen zu entkommen versuchte. Der hat "wohl zu nah am Wasser gebaut" höhnte deshalb einer. Flennen war nicht männlich und wurde deshalb gleich entsprechend honoriert, indem die beiden jede Vorsicht vergaßen und mir noch näher auf die Pelle rückten. Erst, als ich dem Einen fast die Nase vom Gesicht gefegt hatte (der "Befreiungsschwinger" unter Tränen ging leider knapp daneben), gewannen Sie Respekt und ließen mich ziehen.

 

Das eigene Zimmer war, was die Ausübung von Selbstbefriedigung und ersten weiblichen Verkleidungen anging, ein Glücksfall und es war eine kleine Katastrophe, als ich einige Jahre später das Zimmer aus Vermietungsgründen wieder abgeben und in die elterliche Wohnung zurück musste. Dort in der Nähe meiner Brüder (wir drei teilten uns zwei Zimmer), musste ich ständig Angst haben, entdeckt zu werden. Zu dieser Zeit (ich schätze mit 15-16 Jahren) hatte ich also bereits damit begonnen, mich nicht nur weiblich zu kleiden, sondern mir auch eine Gedankenwelt aufzubauen, die sich ausschließlich damit befasste, sich vorzustellen, wie es wäre, ein Mädchen / eine Frau zu sein. Das ist bis heute so geblieben und die Vorstellungen sind dabei im Laufe der Jahre immer expliziter und detailreicher geworden.

Was die Praktiken der (Ver-)Kleidung anging, so beschränkten sich diese nicht nur auf das Tragen von Bekleidungsstücken meiner Mutter, solange ich alleine war. Ich habe Nächte damit zugebracht, mir Brüste aus Luft- / Wasserballons unter den Schlafanzug zu schieben, diese die ganze Nacht zu tragen und erst am Morgen vor dem Aufstehen noch schnell in einem Karton unter meinem Bett zu verstecken. Diese Praktik hatte ich trotz einiger Beinahe-Entdeckungen so gut verheimlicht, dass dies nie aufgefallen ist. Eine Begebenheit aber ist damals aufgefallen: Ich hatte mir (wieder mal) aus einem Schaumstoffball zwei Halbkugeln geschnitten und mit diesen den BH und ein Kleid meiner Mutter gefüllt. Leider hatte ich beim Spuren verwischen aber das Wichtigste übersehen - die Beseitigung der beiden Schaumstoffbrüste, die, als meine Mutter und meine Brüder vom Einkaufen zurück kamen, noch wie auf einem Präsentierteller nebeneinander auf dem Ehebett meiner Eltern lagen. Einer meiner Brüder entdeckte die Teile und rief: Mama, was ist denn das? Und meine Mutter sagte wortwörtlich (ich weiß es noch immer, so entsetzlich war dieser Augenblick): Das musst Du deinen Bruder fragen. Ich habe damals die Sache vertuscht, indem ich behauptete, die Teile wären als Soft-Ständer für ein Modellboot gemacht gewesen, das ich gerade gebaut hatte. Und damit das auch glaubhaft wurde, habe ich die "Brüste" so bearbeitet, dass der Rumpf des Bootes darin tatsächlich gut gehalten wurde und nicht umkippte.

Unfassbar, dass diese Begebenheit damals tatsächlich unter den Tisch gefallen ist. Hier hätte meine Transsexualität eigentlich auffallen und zur Sprache kommen müssen. Heute weiß ich, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits auch hätte Aufklärung geben müssen, was mit mir los ist. Transsexualität war aber damals (ca. 1979) in der Schule kein Thema. So blieb ich, was ich nach außen und für meine Eltern hin sein sollte: Der große Bruder, der junge Mann mit guten technischen Fähigkeiten, der sicher mal ein guter Ingenieur oder wie mein Vater Bürokaufmann werden würde. Ich jedoch hatte mich bis zu meinem Abitur noch für keinen Beruf entschieden. Als Abiturfächer hatte ich damals gewählt: 1. Biologie, 2. Deutsch, 3. Pädagogik und 4. Sport (Leichtathletik+Volleyball+Turnen) und habe danach auf Vorschlag meines Vaters ein FH-Studium zum Maschinenbauingenieur begonnen.

08.1971 - 06.1976
Einschulung und Grundschule

 

An diese Zeit gibt es nur wenige Erinnerungen. Ich gehörte nicht zu den Kindern, die schon so jung von sich sagen, dass sie lieber die Sachen ihrer Schwester tragen möchten. Das ging auch gar nicht, denn ich hatte ja nur zwei Brüder. Mein zweiter Bruder U. wurde 1972 geboren. Ich besaß neben vielen Stofftieren aber immerhin auch eine schwarzhaarige Puppe mit Namen Sabine.

 

Mit 10 Jahren, gegen Ende der 4. Klasse, gab es dann erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht:
1. Eine Mitschülerin, die schon etwas reifer war, zeigt ihre "Brüste" vor der ganzen Klasse. Ein ganz kurzer Moment nur und es gab auch nur ein paar Knospen zu sehen, aber das hinterlässt in dem Alter Eindruck. Ich könnte heute noch den Tisch zeigen, auf dem sie stand, als sie ihr T-Shirt hoch zog.


2. Zu Besuch bei Bäcker E., dem Nachbarn gegenüber meinem Elternhaus. Dessen Tochter war etwa 1-2 Jahre älter und ich wollte ihr neugierig unbedingt beim Pipi machen zusehen, was sie leider gar nicht für richtig hielt und mir die Klotür vor der Nase zuknallte.


3. Auf einer Jugend-Ferienfreizeit in einem Zeltlager auf Amrum erster Kontakt mit einem etwas älteren und wesentlich reiferen Mädchen. Erster Kuss in den Dünen. Wunderschön. Ich war aber noch nicht reif genug, um zu wissen, wie man davon mehr bekommen kann. So blieb dieser Kuss der einzige echte Kuss bis heute.

1971
Vorschule

 

Ich gehe in die Vorschule, weil ich in meinem Jahrgang noch sehr jung bin. Die Vorschule überbrückt die Zeit bis zur offizellen Einschulung. Die Grundschule liegt meinem Elternhaus fast gegenüber, so dass ich praktisch nur 150 m Schulweg hatte. An diese Zeit, ich bin gerade 5, gibt es nur wenige Erinnerungen. In meiner Straße gibt es fünf kleine Geschäfte und einen Kiosk. Einen Bäcker, einen Schuster, einen düsteren Tante Emma-Laden in dem ein großes hölzernes Gurkenfass steht, ein Tiergeschäft mit wunderbaren bunten Aquarien und einen Milchladen, bei dem ich frische Milch in mitgebrachte Behälter zapfen lasse. Und natürlich den Kiosk gegenüber der Schule, wo man für wenige Pfennig Panini-Sammelbilder oder Wundertüten oder Schleckmuscheln oder gar ein Comic-Heft... meine Güte, ich muss unbedingt mal wieder in einem Büdchen was kaufen.

1969 - 1971
Kindergarten

 

Ich gehe in den Kindergarten. Mein kleines Brüderchen L. ist zwei Jahre jünger.

Montag, 04.04.1966
Es ist ein Junge!

 

Meine Geburt. Als 1. Kind meiner Mutter hatte ich keine leichte Geburt, denn diese zog sich fast zu lang hin. Endlich im Tageslicht, soll ich schon ziemlich blau gewesen sein. Vielleicht erklärt dies, warum ich Angst vor dem Ersticken habe. Ich ertrage zwar engste Räume, aber nur, wenn ausreichend Sauerstoff vorhanden ist.

 

Immerhin besteht Grund zur Freude: Es ist ein Junge! Und er soll Jens heißen.

Ein Schweden-Urlaub meiner Eltern hatte nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

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©11/2017 Ishana Kumbruch